Was tun, wenn das Strickbild unregelmäßig ist?

Auf dem Lanade-Blog habe ich neulich darüber geschrieben, wie man ein Strickmuster, das einen Pullover oder eine Jacke in Einzelteilen vorsieht, zu einer nahtlosen Konstruktion umbauen kann. Der Vorteil: Man muss nichts vernähen und kann einen guten Teil des Projekts in Runden stricken.

Ich gebe zu, ich habe bei dieses Thema in erster Linie aus persönlichen Gründen gewählt: ich lache mir immer heimlich ins Fäustchen, wenn ich eine Strickanleitung umbauen und so diesen mühseligen Rückreihen ein Schnippchen schlagen kann. Und da ich gerade ein Projekt mit laaaangen, absolut unausweichlichen Reihen hinter mir hatte, war da ein gewisser Leidensdruck.

Darüber habe ich allerdings glatt ein Phänomen vergessen, das beim Stricken teils in Runden, teils in Reihen bei vielen auftritt. Sehr viele Strickerinnen haben bei rechten Maschen eine andere Fadenspannung als bei linken Maschen – ich selbst eingeschlossen. In Reihen Gestricktes wirkt so etwas unruhiger im Maschenbild als etwas, was in Runden gestrickt wurde. Hier der typische Effekt, der sich bei unregelmäßiger Fadenspannung auf der Rückseite des Strickstücks einstellt:

Kann man in den meisten Fällen mit leben, sticht aber oft doch sehr stark ins Auge, wenn man innerhalb eines Strickstücks von Rundstrick auf Reihen gewechselt ist. Und manchmal will man auch bei durchgängig in Reihen gestrickten Stücken etwas mehr Regelmäßigkeit drinhaben. Deshalb habe ich ein paar Tipps zusammengestellt, die dabei helfen, die Fadenspannung für Vorder- und Rückseite etwas einheitlicher zu halten.

1. Garnwahl
Es gibt Garne, die sind einfach Biester. Pflanzenfasern wie Baumwolle und Leinen gehören gern dazu, manchmal liegt es aber auch an der Art der Verzwirnung, der Sternenkonstellation oder irgendwelchen okkulten kosmischen Gesetzen, die noch nicht wissenschaftlich erforscht sind. Flutschigere Fasern wie Merino oder Kaschmir dagegen sind extrem gutmütig und ziehen sich fast schon von selbst in Form. Wer tendenziell unregelmäßig strickt, kann daher viel mit dem richtigen Garn ausgleichen. Die ultimative Geheimwaffe ist hier natürlich Flauschgarn wie Mohair, Bouclé oder dergleichen, die ganz einfach gar kein Maschenbild mehr erkennen lassen.

2. Zieh!
Wenn man weiß, welche der beiden Maschenarten man lockerer strickt als die andere, kann man versuchen, die Fadenspannung entsprechend zu erhöhen. Beispiel: Meine linken Maschen werden grundsätzlich etwas lockerer als die rechten, deshalb wickle ich bei Rückreihen den Arbeitsfaden einmal öfter um den Zeigefinger. Das erhöht die Spannung und macht damit die Maschen etwas fester, allerdings leidet auch die Durchblutung etwas darunter (aua!).


3. Nadelkombis
Zum einen kann das richtige Material der Stricknadeln das Maschenbild ganz allgemein verbessern. Die Acryl-Nadeln der KnitPro Spectra Serie zum Beispiel kann ich gar nicht ausstehen, da leidet schon mein Maschenbild daran, dass ich mich bei jeder Masche schütteln muss. Mit Bambusnadeln von KnitPro dagegen wird bei mir alles ein kleines bisschen schöner. Ist aber auch immer Geschmackssache.
Was man darüber hinaus noch tun kann, um über die Nadeln das Maschenbild zu regulieren, ist eine Anpassung der Nadelstärke für Hin- und Rückreihen. Bei einem modularen Nadelsystem wie KnitPro, Addi oder Hiya Hiya kann man einfach die benötigten Nadeln zusammenbasteln und so zum Beispiel die Rückreihen eine halbe oder ganze Nadelstärke kleiner stricken als die Hinreihen. Macht hier im Vorfeld unbedingt ein paar Maschenproben, bis ihr die richtige Stärken-Kombi habt!


4. Mustertricks
Wenn das alles nichts fruchtet, bleibt immer noch eine Möglichkeit: ganz einfach nicht glatt rechts stricken. Ein einfaches Perlmuster lässt sich ohne große Rechnerei in jede Anleitung einbauen, sieht gut aus und verteilt in Runden wie in Reihen linke und rechte Maschen so gleichmäßig, dass unterschiedliche Fadenspannung nicht mehr auffällt!

Kennt ihr noch weitere Tricks für ein gleichmäßigeres Maschenbild?

Advertisements

Verkürzte Reihen Teil 5: Japanese Short Rows

Jawohl, ich habe sie nicht vergessen, die fünfte Technik für verkürzte Reihen! Schon seit Wochen und Monaten habe ich mir vorgenommen, die japanische Technik kennen zu lernen. Aber dann war ich von den Shadow Wraps so begeistert, dass ich dachte, besser kann die ganze Kiste nicht mehr werden. Per Zufall bin ich dann von einer Anleitung mit der Nase auf die Japanese Short Rows gestoßen worden und siehe da: Es geht doch noch besser!

Die japanische Variante ist unglaublich simpel, leicht zu stricken und verschwindet unsichtbar im fertigen Gestrick. Die habens echt drauf in Japan! Einziger Knackpunkt: Man braucht einen offenen Maschenmarker dafür. Zur Not tuts aber auch eine Büroklammer oder eine Sicherheitsnadel. Mit etwas Übung kommt man dann vermutlich auch irgendwann ohne Hilfmittel aus, für den Anfang sollte man aber auf jeden Fall einen kleinen Helfer zur Hand haben.

So geht’s:
Zuerst strickt ihr wie immer bis zu dem Punkt, an dem die verkürzte Reihe enden soll.

Jetzt dreht ihr die Arbeit um und hebt die erste Masche der linken Nadel ungestrickt auf die rechte Nadel. Das war auch schon die ganze Wendemasche! Einfach, gell?

Hier kommt der Maschenmarker ins Spiel. Ihr hängt ihn in den Arbeitsfaden ein und strickt dann die Reihe zurück. Achtet darauf, dass der Marker auf der Seite der Arbeit hängt, die später die Rückseite bildet.

Wenn ihr das nächste Mal in der Hinreihe an diese Stelle kommt, werdet ihr zwischen der Wendemasche und der ersten Folgemasche eine fette Lücke sehen. Bleibt das etwa so?! Natürlich nicht. Die machen wir jetzt zu.

Dafür zieht ihr jetzt an dem Maschenmarker, den ihr vorhin eingehangen habt, eine Schlaufe auf die linke Nadel. Achtet darauf, dass die Schlaufe die gleiche Orientierung hat wie die folgende Masche, also nicht verdreht wird. Den Maschenmarker könnt ihr dann abnehmen und in einer Sofaritze verlieren, so mache ich das auch immer.

Jetzt die Schlaufe mit der nächsten Masche zusammen abstricken und die Sache ist geritzt!

Tadaa: Eine wunderschöne verkürzte Reihe ohne das geringste Loch oder Knötchen.

Diese Technik funktioniert bei glatt links und kraus rechts ganz genauso, im Falle von glatt links werden dann Schlaufe und Masche natürlich links zusammengestrickt. Ihr müsst lediglich darauf achten, dass die Schlaufe aus der Wendemasche hinterher hinter der Masche zu liegen kommt, mit der sie zusammengestrickt wird. Dafür müssen Schlaufe und Masche einmal kurz Plätze tauschen, so dass die Schlaufe links von der Masche liegt. Das Schöne ist aber, dass man sofort sieht, ob man es richtig gemacht hat. Diese Technik ist daher definitiv mein neuer Favorit!

Die vier übrigen Techniken von verkürzten Reihen, die ich bisher vorgestellt habe, findet ihr hier. Und wen es interessiert: Die im Beispiel verwendeten Garne sind Madelinetosh Merino Twist DK in „Baltic“ als Grundfarbe und Malabrigo Merino Worsted in „Water Green“ für die verkürzte Reihe.

Kennt ihr noch mehr Techniken für verkürzte Reihen? Vielleicht geht es ja doch noch eleganter als mit der Japanischen?

Nachtrag:
Nachdem ich jetzt diese Stricktechnik bei mehreren Projekten angewendet habe, möchte ich noch zwei wichtige Punkte ergänzen.

1. Man sollte sich im Vorhinein klar machen, wie viele verkürzte Reihen da auf einen zukommen. Mein aktuelles Projekt formt einen schräg abfallenden Saum mit gefühlt 50 verkürzten Reihen. Nach der 5. Reihe bin ich von Japanese Short Rows auf Shadow Wraps umgestiegen, weil ich mehr Maschenmarker angesammelt habe als Weihnachten Kugeln am Baum hängen.

2. Es ist wichtig zu beachten, welche Technik die Anleitung ursprünglich für verkürzte Reihen vorsieht. Bei z.B. der klassischen Technik mit Doppelmaschen steht in der Anleitung oft „bis 2 Maschen vor letzter Doppelmasche rechts stricken, dann wenden und Doppelmasche arbeiten“ – jede verkürzte Reihe ist damit 3 Maschen kürzer als die vorherige (2 Maschen + Doppelmasche). Bei einer Technik wie den Japanese Short Rows aber gibt es keine explizite Wendemasche, so dass man jede verkürzte Reihe nur 2 Maschen kürzer als die Vorreihe strickt, wenn man sich an die Anleitung hält. Das verändert u.U. Form und Länge des Strickstücks!

Heute ist Waschtag!

Mir ist neulich etwas klar geworden: Ich habe noch nie eins meiner selbstgestrickten Kleidungsstücke in die Waschmaschine gegeben.

Dahinter steht eine ganz irrationale Angst, dass die Waschmaschine meinem Strickstück etwas ganz schlimmes antun könnte. Und das, obwohl die Maschine ja auch nichts wesentlich anderes macht als ich, wenn ich meine Sachen von Hand wasche. Und das, obwohl ich meine Stricksocken ohne zu zögern in die Kochwäsche gebe und sie jedes Mal heil zurückbekomme. Aber Pullover und Strickjacken? Nee. Wer weiß, ob die Waschmaschine die nicht vernichtet?!

raccoon-washes-cotton-candy_001

Was natürlich Quatsch ist, solange man das passende Waschprogramm für das Strickstück verwendet und es nicht übertreibt. Nachdem ich von immer mehr Strickerinnen glaubhaft versichert bekommen habe, dass all ihre Strickstücke die Wäsche überleben und dadurch zum Teil sogar noch weicher und schöner werden, habe ich mir ein Herz gefasst und ihn gewagt, den schweren Gang zur Waschmaschine.

Verwendet habe ich das Bio-Wollwaschmittel von Sonett. Das Billigwaschmittel aus der Drogerie, das ich bisher für die Handwäsche im Waschbecken verwendet habe, war zwar schön rosa, roch aber so aufdringlich nach Seife, dass ich schon länger etwas Neues gesucht habe. Über Sonett wurde dann unter Strickerinnen auf Facebook so geschwärmt, dass ich mir ein Fläschlein bestellt habe. Das enthaltene Olivenöl soll rückfettend und besänftigend wirken. Klingt doch gut!

Meine Testobjekte waren drei Pullover mit verschiedenen Garnen, zwei davon gehören zu meinen absoluten Lieblingspullovern. Du bist besser gut zu ihnen, Waschmaschine!

Für den ersten Test habe ich vorsichtig angefangen: Programm Handwäsche mit nur 400 Umdrehungen, kein Schleudern, keine wollevernichtende Salzsäure und dergleichen. Wäsche und Waschmittel rein, anstellen, beten, nach 45 Minuten aufmachen: Die Pullover sind noch da. Puh! Dann mal ab auf den Wäscheständer damit.

Am nächsten Morgen Kontrolle. Schock! Die Ärmel und das Kragenbündchen des ersten Pullovers, den ich in die Hand nahm, waren steinhart geworden! Wie konnte das sein?! Gestocktes Olivenöl? Extremverfilzung? Mein geliebter Pullover, was habe ich dir angetan?!
Dann wurde es mir klar. Der Wäscheständer stand auf der Terrasse und es war in der Nacht sehr kalt gewesen. Die tropfnasse Wäsche war angefroren. Tätää! Ende des Dramas, rein mit dem Wäscheständer.

Nach einer weiteren Nacht (diesmal innerhalb des Hauses) waren die Pullover dann aufgetaut und getrocknet und bereit für ein erstes Fazit.

Testobjekt 1: Drops Flora + Merinogarn

Die Flora meines selbstentworfenen Streifenpullovers ist ja mit 65 % Schurwolle und 35 % Alpaka an sich schon recht weich, ist aber vielleicht noch mal einen Ticken weicher aus der Waschmaschine gekommen. Auf jeden Fall hat das Garn trotz fehlender Superwash-Ausrüstung in keiner Weise gelitten. Top! Die türkisen Streifen haben sich nicht fühlbar verändert. Ich nehme an, weicher kann Merino halt nicht werden.

Testobjekt 2: Holst Supersoft

Mein geliebter Holsten aus Holst Supersoft. Die dünne Shetland-Wolle ist sehr rustikal und fühlt sich beinahe kratzig an, ist aber eigenartigerweise total angenehm auf der Haut zu tragen. Viele Leute haben mir erzählt, dass das Garn kuschelweich werden würde, wenn man es in die Waschmaschine wirft, aber aus meiner Waschmaschine ist der Pullover praktisch unverändert hervorgegangen. Immerhin keine Verschlechterung.

Testobjekt 3: Drops Alaska

Ihr erinnert euch vielleicht noch an das Resultat der großen Farbabstimmung, die ich mal mit euch veranstaltet habe. Der Pullover aus Drops Alaska ist auch sehr schön geworden, durch die recht rustikale Schurwolle aber naturgemäß leicht kratzig und kurz darauf bei dem Versuch, ihn mir willfährig zu machen, dem großen Lanolin-Desaster zum Opfer gefallen. Dieses Teil hat in der Waschmaschine eindeutig profitiert: Das Garn ist spürbar weicher und geschmeidiger geworden! Leider fühle ich gerade im dicken Zopfmuster am Kragen noch diese leicht schmierigen Lanolin-Rückstände, so dass ich den Pullover nochmal in die Maschine geben werden, diesmal mit Schleudergang und allem. Mal sehen, was er dazu sagt!
Das Ergebnis freut mich aber in jedem Fall, denn ich habe noch einen kleinen Alaska-Vorrat und eine zugehörige schöne Strickidee, die ich jetzt guten Gewissens umsetzen kann.

Wie sind eure Erfahrungen mit Strickstücken in der Waschmaschine? Habt ihr noch Tipps für mich?

Bottom up? Top down? Beides!

Ich muss euch mal ganz kurz einen Zwischenstand eines kleinen Projektes zeigen, auf das ich in zweifacher Hinsicht stolz bin:

Das Ganze wird mal ein Fair-Isle-Pullover, wenn es fertig ist. Vorlage war der Paper Dolls von Kate Davies, allerdings kriegt meiner lange Ärmel.

Der erste Grund, weshalb ich stolz darauf bin, ist dass ich auf die Idee gekommen bin, ihn von der Mitte aus zu beginnen. Mich hat vor allem das Fair Isle gereizt, das aber nur in der Passe vorkommt. Das Muster sieht eine Bottom-up-Konstruktion vor – ich hatte aber wenig Lust, erst den kompletten Körper und die beiden Ärmel zu stricken, bevor ich endlich mit dem Fair-Isle-Teil anfangen kann. Natürlich hätte ich das ganze auch Top down stricken können, also mit dem Kragen beginnend nach unten arbeiten. In einer Rundpasse sehen die Zunahmen einer Top-down-Konstruktion aber einfach nicht so gut aus wie die viel unauffälligeren Abnahmen beim Bottom up. Was also tun?

Meine Lösung war eine Art Aus-der-Mitte-in-alle-Richtungen. Dafür habe ich die Maschenzahl unmittelbar über der Ärmelöffnung (da, wo die Bottom-up-Anleitung Körper und Ärmel zusammenlegt) im provisorischen Maschenanschlag angeschlagen und dann ganz brav nach Anleitung bottom up in Richtung Kragen losgestrickt. Am unteren Rand sehr ihr noch die gehäkelte Luftmaschenkette, die meine Maschen festhält. Das schöne an diesem gehäkelten Anschlag ist, dass ich ihn ganz einfach auflösen kann und dann meine Maschen freihabe, um den Rest des Pullovers top down zuende zu stricken.

Wie genau der gehäkelte provisorische Maschenanschlag funktioniert, habe ich übrigens hier schon mal gezeigt. Antje hat bei Lanade das ganze gestern sogar noch ein bisschen cleverer in einem Video erklärt – ihre Variante erspart einem das mühsame Herauspopeln der Maschen aus der Häkelkette.

Ach ja, und der zweite Grund, weshalb ich so stolz auf dieses Projekt bin: Totenköpfe!
Dazu muss ich nichts mehr sagen, oder?

Die rosarote Strick-Brille (und ein Tutorial!)

Die menschliche Psyche ist ein beachtliches Ding. Da gibt es Erfahrungen und Tätigkeiten, die außerordentlich unerfreulich sind und einen zu Äußerungen verleiten, derer man sich in jeder halbwegs zivilisierten Runde fürchterlich schämen würde. Ist es aber einmal überstanden, wird irgendein kleines Schalterchen im Gehirn umgelegt und man sieht alles mit verklärt romantisiertem Blick und sagt sich, dass man diese Erfahrung durchaus nochmal wiederholen könnte. Sitzt man dann erneut in der Achterbahn, im Tattoostudio, im Kreißsaal oder beim Zahnarzt, ist das Gebrüll wieder groß.

So geht es mir auch mit dem Stricken. Habe ich ein Teil fertig, finde ich Stricken super und suche direkt nach dem nächsten Projekt. Aber spätestens drei Stunden nach dem Anschlagen der ersten Maschen geht es dann los mit dem Geheule: Das wird doch alles nichts, das kann doch nichts werden, was tue ich hier eigentlich, was soll das alles …?!

Womit wir auch schon bei meinem aktuellen Projekt wären:

Der Fair-Alpaka-Malabrigo-Arroyo-Cardigan. Okay, das Problem mit den unterschiedlichen Färbungen der Arroyo ist gelöst. Das Alpakagarn scheint mich auch nicht zu pieksen. Dafür habe ich immer mehr Zweifel daran, ob meine Ausschnittgestaltung so gut aussehen wird, und wenn ja, ob mein Garn ausreicht.

Das Grundmuster ist eigentlich der Caramel von Isabell Krämer, bei dem ich die Front schräg ausgeschnitten haben wollte. Irgendwann ist mir dann aber aufgefallen, dass ich die Sache nicht so richtig durchdacht habe, denn bei meinem Zunahmetempo an den Frontkanten hätte ich vielleicht irgendwo über den letzten Zentimetern erst die erforderliche Breite erreicht. Also habe ich mit einem Blick auf den Effortless Cardigan von Hannah Fettig einfach die verbleibenden Maschen angeschlagen und dadurch eine eigenartige U-Form gewonnen. Ob das noch was wird? Ach ja, und ich habe nur noch 5 Knäul von dem naturfarbenen Alpakagarn. Was tue ich hier eigentlich? Und was soll das alles eigentlich?

Das Sinnvollste, was mir in dieser Situation eingefallen ist, ist ein neues Projekt. Das gibt mir wenigstens die Gelegenheit, etwas entspannter über den Caramel-/Effortless-/Murks-Cardigan nachzudenken. Der Shapely Boyfriend Cardigan sieht aus, als könne nicht viel schief gehen, und er passt perfekt zur Lana Grossa Arioso, die ich noch hier habe. Die Anleitung hat mir sogar direkt eine Zunahmetechnik für die Raglanschultern beigebracht, die ich noch nicht kannte und die viel besser ist als das Zunehmen aus dem Mittelfaden. Die Mittelfaden-Geschichte erzeugt bei mir nämlich bei manchen Garnen eine etwas unruhige Raglannaht, während die neue Technik viel gleichmäßiger aussieht. Seht mal hier den Vergleich:

Oben seht ihr die Raglannaht meines Fair-Alpaka-Cardigans mit der Maschenzunahme aus dem Mittelfaden (2 Maschen zwischen den Zunahmen), unten die Lifted Increase beim Shapely-Boyfriend-Cardigan (4 Maschen zwischen den Zunahmen).

Seht ihr was ich meine? Die Technik mit dem Mittelfaden verzieht (zumindest bei mir) die Maschen aus dem Steg zwischen den Zunahmen. Bei Lifted Increase bleibt der Steg ganz ordentlich. Ein weiterer Pluspunkt: Beim Lifted Increase ist es nicht so schwierig sich zu merken, wie man die Zunahme linksgeneigt oder rechtsgeneigt aufnimmt. Gott, was hab ich mir da bei der Zunahme aus dem Mittelfaden am Anfang einen mit abgebrochen!

Lifted Increase heißt übersetzt sinngemäß „abgehobene Zunahme“ und funktioniert nach dem selben Prinzip wie die Shadow Wraps, die ich euch schon mal gezeigt habe. In Kurzform: Man hebt eine Masche der Vor- bzw. Vorvorreihe auf die Nadel und strickt sie ab – schon hat man eine Masche dazugewonnen. Einfach, oder? Hier mit Bildern:

Right Lifted Increase (RLI) – Rechtsgeneigte Zunahme

Bei der rechtsgeneigten Zunahme der Lifted Increase hebt man die erste Masche unter der nächsten Masche auf der linken Nadel rauf auf die linke Nadel und strickt sie ab. Dann strickt man die Originalmasche auch noch ab.


Hier wird auch nichts verschränkt oder verdreht gestrickt und es kann praktisch nichts schief gehen. Die Neigung geht nach rechts – die rechte Nadel hebt die Masche hoch. Easy Peasy.

Left Lifted Increase (LLI) – Linksgeneigte Zunahme

Linksgeneigt geht’s genauso, nur dass jetzt die linke Nadel die Masche anhebt, und zwar (aufgepasst!) die zweite Masche unter der vordersten Masche auf der rechten Nadel. Der Grund dafür ist ganz einfach: Die vorderste Masche auf der rechten Nadel habt ihr ja gerade schon gestrickt, deshalb wäre eine Zunahme aus der ersten Masche darunter nicht mehr auf der gleichen Höhe wie die rechtsgeneigte Zunahme zuvor, die ja vorgenommen wird, bevor die Muttermasche gestrickt wird. Das klingt jetzt kompliziert, wird euch aber einleuchten, wenn ihr es selbst strickt.

Vielleicht bin ich die einzige Person, die diese Zunahme noch nicht kannte, aber ich bin sinnlos begeistert und erfreu mich an meinem Ausweich-Cardigan. Zumindest bis ich auch da auf ein Problem stoße. Dann fange ich vielleicht ein drittes Projekt an oder lass mir ein Tattoo stechen oder einen Zahn ziehen oder so.

Schöne Streifen stricken

Streifen sind die einfachste Möglichkeit, vielfarbig zu stricken. Wer aber schon mal versucht hat, einem rundgestrickten Projekt wie Socken, Stulpen, Mützen oder Pullovern Ringel zu verpassen, stößt schnell auf das Problem, dass sich die Streifen nicht schön übereinander stapeln, sondern jede neue Farbe mit einer kleinen Kante beginnt und endet. Ich hatte das Problem bei meinem ersten Pullover auch.

img_4294-1

Das kommt daher, dass man in Wahrheit Spiralen und nicht abgeschlossene Runden strickt – die Häklerinnen unter euch dürfen sich jetzt alle einmal ins Fäustchen lachen. Die Strickerinnen dagegen dürfen weiterlesen und erfahren, was man gegen die Ringeltreppe beim Streifenstricken machen kann.

Noch ein Wort vorweg: Hundertprozentig unsichtbar wird der Übergang auch bei mir nicht. Theoretisch ist er wohl möglich, der absolut unsichtbare Rundenübergang. Das hat aber so viel mit Fadenspannung, Garn, Karma und der richtigen Sternenkonstellation zu tun, dass ich euch rate, die Sache einfach gelassen zu sehen. Besser halbgut als ganz scheiße, gell? Aber vielleicht kriegt ihr den Rundenübergang ja mit den folgenden Tipps auch besser hin als ich. Probiert’s mal aus!

Die gängigste Methode für einen unsichtbaren Streifenwechsel geht so:

  • Die erste Runde mit der neuen Farbe ganz normal stricken.
  • In der zweiten Runde die erste Masche ungestrickt abheben (Faden hinter der Arbeit), ab der zweiten Masche weiterstricken.
  • Alle weiteren Runden normal stricken.

  • (Das Dunkle ist nur ein Garn mit Variationen von Dunkelblau bis Lila.)

    Durch diese eine Hebemasche wird das Treppchen, das sich am Anfang der neuen Farbe bilden will, etwas hochgezogen. Meistens bringt das allein schon eine 90 % Verbesserung der Optik.
    Profitipp: Wenn ihr dann wieder zur vorherigen Farbe wechselt, könnt ihr ruhig den Faden etwas anziehen, um die letzte Masche des letzten Streifens dieser Farbe etwas zu straffen. Diese hier meine ich:

    Dadurch wird der Übergang zur neuen Farbe nochmal ein bisschen sanfter, denn das ist ja die Masche, die sonst über die Runde in den nächsten Streifen hinausragt. Ganz wichtig beim Farbenwechsel: Fäden verkreuzen! Dafür einfach den Faden der letzten Farbe nach Rundenende vor dem Faden des neuen Streifens verlaufen lassen, so wie ihr es im Bild seht. Andernfalls gibt dicke Löcher.

    Generell ist es wichtig ein Auge auf die Spannung der Fäden zu haben, die auf der Rückseite mitgeführt werden. Zu viel Spannung und euer Strickstück kriegt eine Rüsche, zu wenig Spannung und die Maschen gehen am Farbwechsel auseinander. Wenn Fäden über mehrere Runden mitgeführt werden wie hier das dunkle Garn, kann man es durch Verkreuzen mit dem Arbeitsfaden alle zwei oder drei Runden etwas in Zaum halten.

    So sieht das dann hinterher aus. Wenn man weiß, wo er ist, sieht man den Rundenübergang. Da das Teil aber nicht eingerahmt und an die Wand gehängt, sondern angezogen wird, bin ich zuversichtlich, dass es nicht jedem ins Auge stechen wird.

    Wenn diese Technik allein nicht ausreicht, gibt es noch die Möglichkeit, zusätzlich den Rundenanfang mit jedem Ringel um eine Masche nach links zu verschieben. Da die erste Masche durch das Abheben in der zweiten Runde eh einmal weniger gestrickt wird als die anderen, kann man sie auch direkt zur letzten Masche der Folgerunde erklären. Praktisch heißt das, dass ihr nach dem Abheben der ersten Masche in der zweiten Runde den Maschenmarker eins nach links verschiebt und dann so weitermacht wie oben beschrieben.

    Der Vorteil der Sache ist, dass so der Rundenanfang diagonal wandert und ihr nicht mehr diese ganzen leicht unruhigen Rundenübergänge schnurstracks in einer Reihe liegen habt. Das bietet sich nicht bei jedem Projekt an und erfordert meistens auch ein bisschen Mitdenken beim Strickmuster, kann aber viel ausmachen.

    Mein dritter Tipp für diejenigen, bei denen das alles nicht fruchtet, ist eine Fake-Naht. Auch das ist etwas, was nicht an jeder Stelle in jedem Strickstück funktioniert, aber wenn es funktioniert ist es die einfachste Maßnahme von allen. Eine Fake-Naht erzeugt ihr, indem ihr die erste Masche der Runde immer links strickt (und den Rest glatt rechts). Dann müsst ihr beim Farbwechsel auch nichts mehr abheben, zupfen, zähmen oder sonstwas machen, sondern könnt einfach durchstricken. Die linken Maschen ziehen sich mitsamt des Treppchens beim Farbwechsel nach innen und erzeugen den Eindruck einer genähten Naht – und ihr seid fein raus.

    Soweit meine Erfahrungen mit Ringeln. Habt ihr noch mehr Ideen für den perfekten Farbübergang?

    Verkürzte Reihen Stricken Teil 4: Shadow Wraps

    Da dachte ich Fuchs ja letztens, ich hätte das Thema verkürzte Reihen abgefrühstückt. In Wahrheit habe ich aber gerade mal an der Oberfläche gekratzt! Leserin Eva hat mich nach meinem Beitrag über die Doppelmaschen gefragt, ob ich auch die sogenannten Shadow Wraps kenne. Ein großes Fragezeichengesicht meinerseits, intensive Internetrecherche und fünfzig Versuche am lebenden Objekt bzw. Projekt später kann ich guten Gewissens sagen: Jawohl, kenne ich. Und hier zeige ich sie euch auch direkt.

    Shadow Wraps sind eine Art Wendemaschen, die wie die Doppelmaschen eine verdoppelte Masche erzeugt, das aber etwas eleganter hinkriegt als die klassische Doppelmaschentechnik. Ich muss sagen, dass ich die Shadow Wraps mittlerweile sehr gerne einsetze, lieber noch als die Wickelmaschen. Für die Shadow Wraps scheint es weder einen deutschen Begriff noch eine vernünftige Erklärung zu geben, warum sie Shadow Wraps genannt werden. Der Name klingt aber so cool, dass ich beides verschmerzen kann.

    Los geht’s! Unser Garn des Tages ist Drops Nepal in Ocker und Himbeere und wir sehen uns zuerst an, wie man diese Wendemasche von der Vorderseite her arbeitet.


    Wie immer stricken wir zu dem Punkt, an dem gewendet werden soll. Die nächste, noch nicht gestrickte Masche auf der linken Nadel ist jetzt interessant.


    1. Mit der rechten Nadel stechen wir von hinten nach vorne in die Masche unterhalb der Masche auf der linken Nadel ein …
    2. … und heben sie neben die bestehende Masche auf die linke Nadel.
    3. Wir stricken aus dieser neuen Masche eine normale rechte Masche heraus – die gerade hochgehobene Masche darf wieder runter von der Nadel, die ursprüngliche Masche bleibt wo sie ist.
    4. Und dann wird die gestrickte Masche zurück auf die linke Nadel gelegt. Wie ihr seht kommen jetzt zwei Maschen aus der Masche darunter, die ursprüngliche (pink) und die neu gestrickte (gelb).


    Jetzt wendet ihr die Arbeit, hebt die neugeborene Doppelmasche unverrichteter Dinge auf die rechte Nadel und strickt eure Rückreihe.


    Wenn ihr nun das nächste Mal in der Hinreihe zu eurer Doppelmasche kommt, strickt ihr einfach beide Maschen zusammen. Ein bisschen müsst ihr aufpassen, die Wendemasche nicht zu übersehen, weil der Shadow Wrap sehr dezent ist. Wenn ihr die Maschen auf der Nadel etwas auseinanderzieht seht ihr aber sofort, wo zwei Maschen zusammen aus einer Masche herauskommen.

    Das war nicht schwer, oder? Sehen wir uns mal die ganze Geschichte an, wenn sie auf der Rückseite des Strickstücks stattfindet.


    Wir stricken wieder bis zu dem Punkt, an dem die Anleitung das Wenden vorschreibt.


    1. Diesmal heben wir die folgende Masche komplett auf die rechte Nadel. Achtet darauf, den Arbeitsfaden vorne zu halten.
    2. Jetzt hebt ihr mit der linken Nadel die Masche eins tiefer von unten nach oben an. (sorry, Bild ist etwas unscharf. Das kommt davon, wenn man den Auslöser der Kamera mit der Nase bedienen muss.)
    3. Dieses hochgehobene Maschenglied auf der linken Nadel behandelt ihr jetzt wie eine ganz normale Masche und strickt sie links ab. Die Originalmasche dieser Operation bleibt die ganze Zeit über auf der rechten Nadel.
    4. Und jetzt habt ihr eine wunderschöne links gestrickte Doppelmasche auf der rechten Nadel. Den Faden gut anziehen, damit es keine Löcher gibt!


    Und wieder: Wenden, Doppelmasche ungestrickt auf die rechte Nadel heben und ab die Post.

    So sieht das Ganze dann hinterher aus: Gut! Und vielleicht sogar noch besser, wenn man die passende Nadelstärke für das Garn nimmt statt wie ich einfach zu nehmen, was gerade herumliegt. Ich kann die Shadow Wraps wirklich empfehlen, aber ich werde auch noch all die anderen Sorten von Wendemaschen erforschen, die da draußen existieren, und sie euch nach und nach vorführen. Ich habe gehört, es gibt auch noch eine japanische Variante …

    Hier nochmal alle Wendemaschen-Tutorials:
    Wickelmaschen
    Wickelmaschen easypeasy
    Doppelmaschen