Faust. Der Tragödie erster Teil.

Ich hatte in den letzten Tagen Gelegenheit, die Mini-Rundnadel von KnitPro auszuprobieren. Um meine Erfahrungen angemessen in Worte fassen zu können, habe ich folgendes Werk für euch verfasst.

AKT I

Havariemarie betritt den Raum. Vogelzwitschern.

Havariemarie: Wohl an! Ein frischer Tag weckt frischen Mut. Man reiche mir eine Herausforderung!

Auftritt Lanade-Bote.

Lanade-Bote: Grüzi, ein Packerl bring ich! Groß ists nicht, doch von keckem Grün wie die Hoffnung.

Havariemarie: Gib her, Bursche. Solches Ding bedarf der kundigen Hand.

Lanade-Bote: So verbirgt das Couvert ein Zauberding, ein Mirakel der Handwerkskunst?

Havariemarie: (Entnimmt dem Paket eine Mini-Rundstricknadel) Fürwahr!

Lanade-Bote: Staun! (Geht.)

Havariemarie: So gehe ich denn geradewegs ans Werk. Herbei, unvollendetes Projekt! Herbei, Pullover! Heute erhältst du deinen ersten Ärmel!

Chor der Blogleserinnen: Obacht, Marie! Beschwerlich macht den Anfang diese Nadel, doch belohnt wird die Geduld durch Freude hundertfach!

Havariemarie: Papperlapapp, wie beschwerlich kann solch kleines Ding schon sein?

Chor der Blogleserinnen: Oh weh! Oh weh! Wie hoch der Stolz, so tief der Fall!

Vorhang fällt.

 

AKT II

Später am selben Tag. Regenwolken am Horizont. Havariemarie strickt.

Havariemarie: Hmpf!

Katze betritt den Raum.

Katze: Miau?

Havariemarie: Lasse ab von mir, Katze. Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Schwere Aufgabe verzehrt meine Kraft, derart dräut mich dieses neue Nadelding! Wer hätte dergleichen je gesehen?

Katze: Miau?

Havariemarie: Was? So zweifelst du an meinem Martyrium, Katze? Siehe doch dieses Werkzeug! Siehe wie unermesslich kurz die Nadeln, wie wenig Halt sie der menschlichen Hand zu bieten vermögen! Begreifest du nun?

Katze: Miau …

Havariemarie: Aye, oh Unglück! Welch Unrecht beging ich, dass Gottes Zorn mich derart trifft? Wo findet sich die winz’ge Fee, die mit diesen Nadeln zu stricken vermag? Welch böser Zauber machte die Finger mir zu ungelenken Dingern?

Katze: Miau!

Havariemarie: Was? So verhöhnst du mich noch in meinem Elend, du Knecht des Beezelbubs? Hinfort mit dir, sage ich! Hinfort!

Auftritt Ehemann.

Ehemann: Meinen frohgemuten Gruß entbiete ich dir, geliebtes Weib, an diesem famosen Tag!

Havariemarie: Hinfort! Hinfort! Alle miteinander!

Ehemann: Oh Weh! Oh Unglück!

Katze: Miau! Miau!

Ehemann und Katze gehen.

Vorhang fällt.

 

AKT III

Der selbe Raum. Nacht.

Havariemarie: So sitz‘ ich einsam nun in dunkler Nacht meiner Seel. Einst strickt‘ ich behende und flink, die Finger flogen spatzengleich über das Garn, lustig klapperten die Nadeln. Doch nun? Fremd sind die eignen Finger mir, langsam geht das Geschäft des Strickens. Wo fass‘ ich diese Nadeln an? Wie unterwerf ich derlei schlüpfrig Ding dem Willen? Kein Glück ist mir beschieden, mich hört ihr lachen nimmermehr.

Chor der Blogleserinnen: So sagten wir’s, so wussten wir’s, allein hören wollte Marie nicht.

Havariemarie: Oh Weh! Wahr ist’s! Doch wo bleibt der Geduldigen Lohn, den ihr verspracht? Ertrug ich der Prüfung nicht genug? Genug ist’s in der Tat!

Wirft Mini-Rundstricknadel zu Boden und verlässt den Raum.

Chor der Blogleserinnen: Aye! Oh Unglück! So ist sie immerdar verloren? Oder kehrt sie gar zurück? Wer vermag es zu sagen? Zu Hülf!

Vorgang fällt.

 

Tja, und damit endet das kleine Drama. In Kurzversion: Ja, es war ein Krampf am Anfang, mit der Mininadel zu stricken, ja, es ist besser geworden mit der Zeit, aber ich bin trotzdem so langsam damit, dass es mir einfach keine Freude macht. Wenn ich glatt rechts in der Runde stricke, lese ich dabei immer – und mit dieser kleinen Nadel wird das einfach zu anstrengend.

Daher kehre ich vorerst zum Nadelspiel zurück. Aber vielleicht gibt es ja noch einen zweiten Versuch und damit einen zweiten Teil meines kleinen Theaterstücks.

Let’s do Science! Heute: Lanolin

Ich habe euch ja schon häufiger mein Leid darüber geklagt, dass ich viele Garne als unerträglich pieksig und kratzig empfinde und deshalb einem Großteil des Wollsortiments dieser schönen Welt gegenüberstehe wie ein Waisenkind vor dem Spielzeugladen. Dass ich niemals Mohair tragen kann, kann ich ja noch verschmerzen. Aber niemals Alpaka? Schnüff. Auch nicht einfache Schafswolle? Heul! Manche Leute schlingen sich um den Hals was immer sie finden und sind glücklich, während ich Todesqualen leide. Ungerechte Welt!

„Verzage nicht,“ sagte da eines schönen Tages die schlaue Antje von Lanade zu mir, „versuchs mal mit Lanolin!“
Oha, dachte ich, gibt es etwa doch Hoffnung für mich?
Eine kleine Internetrecherche und Bestellung später war ich bereit für das große Experiment, an dem ich euch direkt teilhaben lasse:

 

Das Lanolin-Experiment

Erstmal zu den Grundlagen. Lanolin, auch Wollwachs genannt, ist auf Deutsch gesagt das Zeug, das die Schafe ausschwitzen, um ihr Plüschifell schön zu halten. Es macht die Schafswolle geschmeidig, leicht wasserabweisend und schützt es vor Schädlingen. Gut durchdacht von Mutter Natur, wir schrubben diesen Schutzmantel nur mit unseren Reinigungsmitteln wieder ab, weshalb Schafswolle sich dann später im Pulli kratzig anfühlen kann. Die Theorie ist jetzt: Packen wir den Lanolin-Schutzmantel wieder drauf, wird der Pulli wieder weich.

Lanolin kriegt man in der Apotheke, aber auch bei Amazon. Meine Apotheke wollte um die 16 Euro für 40 Gramm, Amazon wollte nur 10 Euro für 100 Gramm. Also Amazon. Und so sieht die Geschichte aus:

Meine Testobjekte waren:
– gestreifte Stulpen aus Schafswolle mit Superwash-Ausrüstung (Regia Sockenwolle)
– graue Stulpen aus Drops Alpaca (ich weiß zwar nicht, ob Wollfett viel auf Alpakahaaren bringt aber ein Mädchen darf ja wohl noch Träume haben)
– mein lila Pullover aus Drops Alaska, also Schafswolle ohne Superwash-Ausrüstung

Außerdem benötigt wird Spüli, ein Teelöffel, ein Wasserkocher, Wasser, eine Schüssel und ein Eimer.

  

1) Man nehme einen Teelöffel Lanolin und einen Teelöffel Spüli. Aufgepasst: Die Menge Lanolin, die ich hier in die Schüssel geworfen habe, ist schon zu viel (mehr dazu weiter unten). Nehmt im Zweifelsfall weniger als mehr.

2) Dazu kommt heißes Wasser, etwa ein halber Liter, in dem die Lanolin-Spüli-Mischung dann aufgelöst wird. Lanolin ist eigentlich nicht wasserlöslich und würde allein genommen jetzt nur herumschwimmen, das Spüli ist also eine Art Vermittler.

3) Wenn die Brühe etwas abgekühlt ist, schütten wir das in den Eimer, in dem die Testobjekte bereits in lauwarmem Wasser einliegen. Das Abkühlen ist wichtig wenn Nicht-Superwash-Garne im Spiel sind, die verfilzen sonst nämlich.

Der ganze Spaß kann jetzt erstmal ein paar Stunden einweichen, zum Beispiel über Nacht. Dann wie nach jedem Wollbad das Wasser auskippen, die Strickstücke vorsichtig auswringen und zum Trocknen hinlegen.

Die Sachen sind trocken. Erkenntnis Nr. 1: Zu viel Lanolin macht die Wolle ganz widerlich fettig. Man hat nach dem Anfassen ein ganz schmieriges Gefühl an den Händen. Bah!

Also nochmal baden, nochmal auswringen, nochmal trocknen. Dann anziehen, frohen Mutes in die Welt in die Welt hinaus laufen und rufen:

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„ICH BIN ALLERGISCH GEGEN LANOLIN VERDAMMTE SCHEISSE!“

Wikipedia sagt, dass tatsächlich nur sehr wenige Menschen allergisch auf Lanolin reagieren, also will ich nicht ausschließen, dass ich an diesem Tag nicht vielleicht einfach nur einen kleinen Kratzer am Hals hatte, der dann extrem gereizt auf das Wollwachs und/oder die Wollfasern selbst reagiert hat. Tatsache ist, dass ich mit einer dicken fetten Schwellung und einem sehr schweren Herzen nach Hause gegangen bin, wo ich mir den Pullover sofort runterreißen musste. Der sich zu allem Überfluss aber tatsächlich sehr viel weicher als vorher angefühlt hat. Ungerechte Welt!

Zu den anderen beiden Testobjekten: Die Alpaka-Stulpen fühlten sich herzlich unverändert an, die Sockenwoll-Stulpen dagegen schienen vom Lanolinbad profitiert zu haben. Man kann sie zwar noch nicht schmuseweich nennen und auch am Hals würde ich sie nicht tragen, aber etwas geschmeidiger sind sie schon. Ist mir jetzt aber auch egal. Ich bin beleidigt.

Habt ihr Erfahrungen mit Lanolin gemacht? Oder kennt ihr eine Alternative?

Lektion der Woche

„Links ist da, wo der Daumen rechts ist“, hat mir meine Mutter beigebracht. Geholfen hat es allerdings nicht, da ich nie herausfinden konnte, ob man für diesen Merksatz die Hände von der Innenseite oder der Außenseite her betrachten muss. Während ich also als Kind vermutlich einen unterhaltsamen Anblick geboten habe, wenn ich hochkonzentriert meine Hände angestiert habe, hat mich die Links-Rechts-Problematik bis ins Erwachsenenalter begleitet und führt regelmäßig dazu, dass mein Navi und ich uns gegenseitig in den Wahnsinn treiben („Bitte jetzt links abbiegen“ – „Okay!“ – „Jetzt links abbiegen“ – „Erledigt!“ – „Jetzt links!!!“ – „HAB ICH DOCH!!“ – „BITTE WENDEN!“ – „WAS WILLST DU VON MIR LASS MICH ZUFRIEDEEEEN!!!!“).

Beim Stricken wird es dann noch mal besonders heikel, wenn die Designerin nicht deutlich macht, ob mit dem „linken Seitenteil“ die Seite gemeint ist, die ich auf der Schemazeichnung oder dem Modelbild in der linken Bildhälfte sehe, oder die Seite, die ich später auf meiner linken Körperhälfte trage. Beide Varianten sehe ich oft, da es sich aber meistens um Cardigans handelt, die in Einzelteilen gestrickt werden, macht eine Verwechslung nie viel aus, solange man die Teile am Ende richtig zusammennäht.

Gestern allerdings bin ich beim Emerald an den Punkt gekommen, an dem vom Rückenteil aus die beiden Seitenteile der Front gestrickt werden, die sich dann später unter der Knopfleiste zum Stricken in der Runde treffen. Da war es wieder, das „linke Seitenteil“ und absolut kein Hinweis darauf, von welcher Seite betrachtet das „Links“ gemeint sein könnte oder auch nur, von welcher Seite des Rückenteils aus die Maschen aufzufassen seien. Was nun? Ich habe folgende unfehlbare Faustregel ermittelt:

Wenn die Seitenangaben in einer Strickanleitung nicht eindeutig sind, dann bezeichnet „links“ genau die Seite, die du in den vergangenen zwei Stunden gestrickt hast, NICHT.

 

Ich ribbel dann mal die Knopfleiste unter dem Arm weg …

Zur Hölle!

Neulich habe ich euch ja etwas über Karma erzählt. Heute machen wir dafür mal einen religionspädagogischen Exkurs zum Thema das Böse und der Teufel.

Als Gast eines Benediktinerinnenklosters durfte ich mir in den letzten Tagen in vielen, vielen Messen (minus ein paar verschlafenen Morgenoffizien) anhören, wie gute Katholiken dem Bösen trotzen, alle Prüfungen des Lebens erdulden und auf dem tugendhaften Pfad Gottes bleiben. Da ich das Ganze nicht so schön vorsingen kann wie die Schwestern und die Akustik hier in meinem kleinen Blog auch nicht so gut ist wie in der Klosterkirche, muss wohl oder übel wieder ein Gleichnis aus der Strickwelt herhalten. Also aufgepasst:

Nehmt mal an, ihr möchtet einen rosanen Pullover stricken. Ihr habt das Garn, ihr habt das Muster, los gehts.

Der Pullover ist schon fast fertig, da bemerkt ihr: Er ist zu eng!  Was tun? Ribbeln.

 Und noch mal neu stricken. Nach mühsamer Arbeit ist der Pullover abermals fertig. Aber nun stellt ihr fest: Er sitzt nicht gut, die Nadelstärke war zu klein, alles Murks.

 Was tun? Weinen. Und wieder ribbeln!

Ihr sucht euch ein neues Muster, bei dem nichts schiefgehen kann. Wickelt vorher noch mühsam das Garn zum Strang und badet es, damit es wieder glatt wird, lasst es tagelang trocknen, wickelt es zu Knäuln …

 … der Pullover wächst und wächst, alles scheint diesmal zu gelingen, gelobt sei Gott der Allmächtige!

 Da stellt ihr plötzlich fest: Das Garn reicht nicht! Etwa zwei Knäul mehr müssen her, als sei es der Prüfungen nicht schon genug gewesen.

Ihr sucht also demütig die Webseite des Garnhändlers auf und da schlägt er zu, der Versucher: 35 % Rabatt auf alle Wollgarne!

Und ihr hört dieses kleine Stimmchen im Ohr: „Komm schon! So viel Arbeit mit dem Pullover und bestellen musst du sowieso! Schlag zu! Wirf deine guten Vorsätze von wegen Sparsamkeit über Bord! Gönn dir was!“

Ihr könnt plötzlich nachvollziehen, wie sich Hiob gefühlt haben muss. Die Seelenqual wächst, Rosenkränze beten scheint nicht zu helfen. Die Versuchung ist so groß und ihr wisst, dass ihr widerstehen müsst, sonst droht euch die Hölle und ewige Verdammnis!

Ich für meinen Teil bin Gott sei Dank kein Katholik.

Ich habe eine Schere und ich werde nicht zögern sie einzusetzen!

Okay, bevor ich mir den Unmut der Briefmarken-Community zuziehe gestehe ich frei heraus: Die Briefmarken aus dem letzten Posting waren nicht echt. Schockierend, ich weiß. Aber ich war in einer schlimmen Verfassung gestern. Schuld war natürlich dieses Biest hier:

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Ich habe den Pullover so weit fertiggestellt, dass ich nur noch den Kragenteil mit dem großen Mustersatz zwischen Achseln und Hals zu stricken habe. Also den schwierigsten Teil von allem. Gestern abend habe ich mich dann tapfer an die Arbeit gemacht. Vor mir lag ein Muster mit einem Rapport über 22 Maschen, also eine feste Reihenfolge von dunkler Faden, heller Faden, dunkel, hell, dunkel, dunkel, hell, etc. etc. , die sich alle 22 Maschen wiederholt und am Ende der Runde 11 Mal gestrickt worden sein sollte. Also 242 Maschen mit zwei Fäden und höchster Konzentration stricken. So weit so gut.

Ich erreichte das Ende der Runde. Der Mustersatz ging nicht auf. War mir ein Fehler bei der Farbreihenfolge unterlaufen? Tatsächlich, vor 50 Maschen. Also 50 Maschen zurück und nochmal richtig weiter.

Ich erreichte das Ende der Runde. Der Mustersatz ging nicht auf. War mir noch ein Fehler unterlaufen? Nein. Hatte ich die richtige Anzahl Maschen auf der Nadel? Nein. Aha! Aus irgendeinem Grund waren es 249 statt 242 Maschen. Also 200 Maschen zurück und bei gleichmäßiger Abnahme von 7 Maschen nochmal richtig weiter.

Ich erreichte das Ende der Runde. DER MUSTERSATZ GING NICHT AUF. War mir ein Fehler im Muster unterlaufen? NEIN! Hatte ich die richtige Anzahl Maschen auf der Nadel? NEIN!! WARUM ZUM TEUFEL NICHT? Wieviele Maschen hatte ich auf der Nadel? 230! WIE IST DAS MÖGLICH?! Ich war rat- und fassungslos. Ich stricke nunmehr schon so lange und so viel, dass ich auf gewisse Dinge einfach vertraue. Dass mir keine Maschen spurlos verloren gehen zum Beispiel. Ich lasse keine Maschen fallen. Und auch zählen kann ich eigentlich ganz gut. Aber jetzt musste ich an meinem Verstand und dem Gefüge der Wirklichkeit zweifeln. Befand ich mich plötzlich in einem lovecraft’schen Universum, wo sich Parallelen im Unendlichen nicht treffen und 249 minus 7 gleich 230 ist? Konnte ich mir der Realität noch sicher sein? Konnte ich mir meiner Existenz sicher sein? War dieser Pullover ein Symbol für den Sinn des Lebens oder nur eine Metapher meines verirrten Geistes? Als ich emotional auf Händen, Knien und Augenbrauen zu meinem Mann gekrochen kam um metaphysischen Beistand bei ihm zu finden, kam von ihm ein stoisches: „Na dann strickste das Ding halt noch mal neu, ne?“

Kennt ihr diese Veranstaltungen in Spanien, wo sie wütende Stiere durch die Straßen rennen lassen, die dann versuchen, die davonrennenden Menschen auf die Hörner zu nehmen? So ungefähr ging es hier gestern abend zu. Ich erspare euch mal die Einzelheiten. Nur zur Beruhigung: Ich habe den Pullover nicht in kleine Stückchen geschnitten. Ich denke noch darüber nach.

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Erst werde ich nochmal ganz sorgfältig alle Maschen zählen und Musterfolgen überprüfen. Dann wird sich zeigen, ob ich den Fehler korrigieren kann oder alles wieder aufribbeln muss. Ich habe so eine Ahnung, dass beides gleich aufwühlend sein wird. Zum Glück gibt es auch hierfür praktische kleine Hilfsmittel …

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No Way!

Kinder, ich sach et euch: Lasst die Finger von der Wolle! Das nimmt nie ein gutes Ende.

Seht nur mich an! Wollte nur mal als junges Ding so ne Wolle ausprobieren, wollte nur zu den coolen Kindern dazugehören, nur mal so ein oder zwei Luftmaschen auf ner Party häkeln, aber dann: ZACK! Hing ich an der Nadel. Ja Kinders, und dann ging es nur noch abwärts. Linke Maschen, rechte Maschen, Merino, Baumwolle, egal, ich hab alles genommen. Bei den Großeltern aufm Klo heimlich Zopfmuster weggestrickt, die Oma am heulen, der Opa schon mit der Polizei am telefonieren, ich noch schnell den halbfertigen Pulli die Toilette runtergespült und dann ab durchs Fenster getürmt, die kriegen mich nicht! Dann die ganzen Nächte unter der Brücke, überall zerbrochene Stricknadeln und Wollfluseln, tagsüber schnorren vor dem Wollgeschäft: „Ey, haste ma‘ Alpaka?“
Jau, Kinders, und irgendwann ist auch Zopfmuster nicht mehr genug, dann muss halt noch was Härteres her, dann biste halt auf zweifarbigem Norweger, auf der Straße auch Höllenstrick genannt. Das Zeug knallt euch geradewegs den Verstand aus der Birne. Erst neulich habe ich von einer gehört, die hats glatt weggehauen. War mitten im Norweger-Flash, da schmeisstse alles hin und brüllt nur noch so rum von wegen „Waruuuum??!“ und „Ich hasse Strickeeeeen!!“ und „Aaaarghhh“. Voll Psycho.

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Nee nee, Kinders. Dat is kein Spass mit der Wolle, ich sach et euch!

Das piekst…!

Wolle und ich – eine Geschichte voller Tragik, Tränen und Selbstmitleid. Lasst sie mich euch erzählen.

Als ich ein junges Strickliesl war und noch ganz neu an der Nadel (so vor 3 Jahren), sah ich staunend die vielen wunderschön gearbeiteten Halstücher auf Ravelry und dachte gleich: Das will ich auch! Ebenso staunend stellte ich fest, dass viele Strickerinnen auf Ravelry ihre Meisterwerke nicht aus teurem Lace-Garn, sondern aus Sockenwolle herstellten. Warum nicht, dachte ich, und legte los:

IMG_0593_medium2Ein Wellenbaktus aus einem Zauberball von Schoppel. Wunderschön, passte zu jedem Outfit. Ich habe ihn sogar bei meiner Hochzeit getragen (die ihr euch jetzt aber nicht als Disney-Hochzeit in Weiß verstellen müsst – andere Geschichte). Leider stellte ich nach einer Weile fest: Das Tuch kratzt. Okay, dachte ich, es ist Sockenwolle. Da muss man sich nicht wundern. Und da eh der Winter nahte, habe ich mir etwas neues gestrickt:

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Ein Hitchhiker nach der Anleitung von Martina Behm. Zweifädig aus reinem Merinogarn und einem Mohair-Seiden-Garn. Richtig gutes Zeug von Lana Grossa, unglaublich flauschig und weich. Aber es piekste. Ich versuchte das Pieksen zu ignorieren. Es piekste mehr. Ich versuchte es zu ignorieren. Es piekste noch mehr … schließlich musste ich mir das Tuch zwei Minuten nach dem Anziehen vom Hals reißen, weil es unerträglich war.

Okay, dachte ich. Mohair empfinden viele als pieksig. Lassen wir das also weg. Versuchen wir es mal nur mit Merino und Seide.

IMG_0995_medium2Ich war in einem winzig kleinen Lädchen, in dem ausschließlich Garne der Marke Atelier Zitron verkauft werden. Die Inhaberin erzählte mir, dass alle anderen Wollhersteller ihre Produkte mit Pestiziden und anderen Giften besprühen lassen, um Schädlinge auf den langen Transportwegen abzutöten, und dass sie deshalb selbst von jeder anderen Wolle Ausschlag bekäme, außer von der Wolle von Atelier Zitron. Ich fühlte mich verstanden und kaufte einen sandfarbenen Strang Filisilk, 70 % Merino, 30 % Seide, den ich zu einem wunderschönen Tuch verhäkelte.

Es piekste.

Ich probierte noch mehr aus. Merino mit Kunstseide: Piekst. Babyalpaka mit Maulbeerseide: Piekst. Alpaka-Wollmischungen: Piekst. Merino mit Cashmere: Zwingt mich nicht es zu schreiben, die Trauer sitzt noch zu tief. Reines Merinogarn: Okay, solange es gut verzwirnt ist. Alles andere piekst so sehr, dass es mir schon weh tut. Nach einiger Zeit habe ich dann knallrote Flecken am Hals, aber das kann auch daher kommen, dass ich ständig die Haut unbewusst reibe.

Natürlich habe ich auch meinen Hautarzt dazu interviewt. „Könnte eine Wollallergie sein“, meinte er und unterzog mich einer hochwissenschaftlichen Testmethode, bei der er die Kante seines Lineals über meinen Unterarm zog. Da keine weißen Linien, Wunden Jesu Christi oder sonstwas erschienen, meinte er, es sei keine Allergie, meine Haut werde mit dem Alter einfach empfindlich. Danke, Herr Doktor. FÜR NICHTS.

Meine Selbstversuche haben aber gezeigt, dass er Recht hat. Ob mir ein Garn weh tut oder nicht hängt weniger vom Material ab, denn sogar Tücher ohne ein einziges Fädchen tierische Faser können mir unangenehm werden. Die Ursache scheint in der Flüschigkeit des Garns zu liegen. Alpaka und Mohair beispielsweise sind traditionell flauschige Garne, bei denen winzige Einzelhärchen in alle Richtungen abstehen und mich in den Wahnsinn treiben. Merino dagegen ist so brav, dass es einen weichen aber glatten Faden bildet, wenn man es lieb fragt. Die Filisilk zum Beispiel ist ein Merino-Seidengarn, das aber nur so lose gedreht und nicht mehrfädig verzwirnt ist, wie ihr auf dem Bild oben seht. Daher meine messerscharfe Schlussfolgerung: Je flauscher desto au!

Ich habe mich in so weit damit abgefunden, dass ich nur noch Tücher aus Garnen stricke, die ich auch ganz sicher vertragen kann: Baumwolle, reine Seide, Acryl, gute Merinowolle. Nur ihn habe ich jetzt noch hier wie einen traurigen letzten Partygast sitzen, der nicht heimgehen will:

20140709-221357-80037342.jpgDer Alpaca-Cardigan. Hätte ich mir eigentlich auch vorher denken können, dass er mich pieksen wird. Durch alle Kleidung hindurch und vor allem am Kragen. Und das schon beim Probetragen. Aber ihn wieder aufzuribbeln bringe ich auch nicht übers Herz. Das arme Ding!