Faust. Der Tragödie erster Teil.

Ich hatte in den letzten Tagen Gelegenheit, die Mini-Rundnadel von KnitPro auszuprobieren. Um meine Erfahrungen angemessen in Worte fassen zu können, habe ich folgendes Werk für euch verfasst.

AKT I

Havariemarie betritt den Raum. Vogelzwitschern.

Havariemarie: Wohl an! Ein frischer Tag weckt frischen Mut. Man reiche mir eine Herausforderung!

Auftritt Lanade-Bote.

Lanade-Bote: Grüzi, ein Packerl bring ich! Groß ists nicht, doch von keckem Grün wie die Hoffnung.

Havariemarie: Gib her, Bursche. Solches Ding bedarf der kundigen Hand.

Lanade-Bote: So verbirgt das Couvert ein Zauberding, ein Mirakel der Handwerkskunst?

Havariemarie: (Entnimmt dem Paket eine Mini-Rundstricknadel) Fürwahr!

Lanade-Bote: Staun! (Geht.)

Havariemarie: So gehe ich denn geradewegs ans Werk. Herbei, unvollendetes Projekt! Herbei, Pullover! Heute erhältst du deinen ersten Ärmel!

Chor der Blogleserinnen: Obacht, Marie! Beschwerlich macht den Anfang diese Nadel, doch belohnt wird die Geduld durch Freude hundertfach!

Havariemarie: Papperlapapp, wie beschwerlich kann solch kleines Ding schon sein?

Chor der Blogleserinnen: Oh weh! Oh weh! Wie hoch der Stolz, so tief der Fall!

Vorhang fällt.

 

AKT II

Später am selben Tag. Regenwolken am Horizont. Havariemarie strickt.

Havariemarie: Hmpf!

Katze betritt den Raum.

Katze: Miau?

Havariemarie: Lasse ab von mir, Katze. Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin? Schwere Aufgabe verzehrt meine Kraft, derart dräut mich dieses neue Nadelding! Wer hätte dergleichen je gesehen?

Katze: Miau?

Havariemarie: Was? So zweifelst du an meinem Martyrium, Katze? Siehe doch dieses Werkzeug! Siehe wie unermesslich kurz die Nadeln, wie wenig Halt sie der menschlichen Hand zu bieten vermögen! Begreifest du nun?

Katze: Miau …

Havariemarie: Aye, oh Unglück! Welch Unrecht beging ich, dass Gottes Zorn mich derart trifft? Wo findet sich die winz’ge Fee, die mit diesen Nadeln zu stricken vermag? Welch böser Zauber machte die Finger mir zu ungelenken Dingern?

Katze: Miau!

Havariemarie: Was? So verhöhnst du mich noch in meinem Elend, du Knecht des Beezelbubs? Hinfort mit dir, sage ich! Hinfort!

Auftritt Ehemann.

Ehemann: Meinen frohgemuten Gruß entbiete ich dir, geliebtes Weib, an diesem famosen Tag!

Havariemarie: Hinfort! Hinfort! Alle miteinander!

Ehemann: Oh Weh! Oh Unglück!

Katze: Miau! Miau!

Ehemann und Katze gehen.

Vorhang fällt.

 

AKT III

Der selbe Raum. Nacht.

Havariemarie: So sitz‘ ich einsam nun in dunkler Nacht meiner Seel. Einst strickt‘ ich behende und flink, die Finger flogen spatzengleich über das Garn, lustig klapperten die Nadeln. Doch nun? Fremd sind die eignen Finger mir, langsam geht das Geschäft des Strickens. Wo fass‘ ich diese Nadeln an? Wie unterwerf ich derlei schlüpfrig Ding dem Willen? Kein Glück ist mir beschieden, mich hört ihr lachen nimmermehr.

Chor der Blogleserinnen: So sagten wir’s, so wussten wir’s, allein hören wollte Marie nicht.

Havariemarie: Oh Weh! Wahr ist’s! Doch wo bleibt der Geduldigen Lohn, den ihr verspracht? Ertrug ich der Prüfung nicht genug? Genug ist’s in der Tat!

Wirft Mini-Rundstricknadel zu Boden und verlässt den Raum.

Chor der Blogleserinnen: Aye! Oh Unglück! So ist sie immerdar verloren? Oder kehrt sie gar zurück? Wer vermag es zu sagen? Zu Hülf!

Vorgang fällt.

 

Tja, und damit endet das kleine Drama. In Kurzversion: Ja, es war ein Krampf am Anfang, mit der Mininadel zu stricken, ja, es ist besser geworden mit der Zeit, aber ich bin trotzdem so langsam damit, dass es mir einfach keine Freude macht. Wenn ich glatt rechts in der Runde stricke, lese ich dabei immer – und mit dieser kleinen Nadel wird das einfach zu anstrengend.

Daher kehre ich vorerst zum Nadelspiel zurück. Aber vielleicht gibt es ja noch einen zweiten Versuch und damit einen zweiten Teil meines kleinen Theaterstücks.

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