Von der Kunst des Lügens und dem Wert eines Philosophiestudiums

Eine Anekdote, die ich immer gern erzähle, geht wie folgt: Letztes Jahr wurde ich von meiner Firma zu einem Seminar zum Thema „Kommunikation“ eingeladen. Als Übung zur Auflockerung und Demonstration schlauer Kommunikationstheorien wurden alle Teilnehmer aufgefordert, der Reihe nach drei Dinge über sich zu sagen, und zwar zwei Wahrheiten und eine Lüge – und die anderen Teilnehmer sollten die Lüge identifizieren. Während sich die ersten noch etwas schwertaten („Tja, also ich mag Schokoeis und ich habe zwei Kinder uuuund … mein Zweitwagen ist ein Porsche?“) habe ich mir geistig die Hände gerieben, denn wenn ich etwas kann, dann ist es Geschichten erzählen – und zwischen Geschichten und Lügen ist es nur ein hauchfeiner Grat. Als ich an die Reihe kam, ging es also so:

Ich: „Das erste, was ich euch über mich erzählen will, ist dass ich meinem Auto einen Namen gegeben habe, meiner Katze aber nicht.“

Seminarteilnehmer: „Hmm…“

Ich: „Als zweites kann ich euch sagen, dass ich in meiner Freizeit gern die neuesten Trend-Nagellacke bei eBay aufspüre.“ (Halte lackierte Fingernägel hoch)

Seminarteilnehmer: „Aha.“ (Einzelne Seminarteilnehmerin: „Ich auch! Ich auch!“)

Ich: „Drittens: Ich habe Philosophie studiert und war keinen Tag meines Lebens arbeitslos.“

Seminarteilnehmer: „LÜGE! DAS MUSS DIE LÜGE SEIN! NIE IM LEBEN IST DAS WAHR!“

Hättet ihr genauso getippt? Dann zeige ich euch jetzt folgende garantiert wahre Dinge:

Mein Auto „Titti“, meine namenlose Katze, ein repräsentativer Teil meiner zu 100 % bei DM und in anderen echten Geschäften gekauften Nagellacksammlung und mein Magisterzeugnis. Nicht im Bild: Sämtliche Arbeitsverträge, die nahtlos vom Datum meines Uniabschlusses bis heute reichen. Das müsst ihr mir wohl ungesehen glauben.

Sehr ungläubig dagegen haben mir damals die anderen Teilnehmer des Kommunikationsseminars entgegengeblickt. „Aber … aber … wie redest du dann deine Katze an?“ wollte einer wissen. „Mit ‚Katze‘ – sie kommt ja eh nicht wenn man sie ruft.“ Alle anderen waren hingegen vielmehr erstaunt, dass ein Philosophiestudium nicht geradewegs in die Arbeitslosigkeit führt, sondern unter Umständen in genau das Unternehmen, in dem sie selbst beschäftigt sind.

Natürlich war genau diese Verwirrung mein Ziel, denn wie jeder Geschichtenerzähler weiß, lebt eine gute Erfindung (um nicht zu sagen: Lüge) von den Erwartungen der Zuhörer (Philosophiestudium), glaubwürdigen Details (Nagellack bei eBay kaufen), Ablenkung (Auto und Katze) und einer überraschenden Wende am Schluss.

Von dieser Anekdote abgesehen versuche ich aber immer den Leuten klar zu machen, dass ein Philosophiestudium eine in absolut jeder Hinsicht lohnenswerte Sache ist. Ich habe dadurch so vieles gelernt, was mir heute im Berufsleben immer wieder zugute kommt: Hirnverbrannt komplizierte Ideen in einfache Worte fassen zum Beispiel. Trotz massiver Ahnungslosigkeit nonchalante Kompetenz vortäuschen. Und nicht zu vergessen eine vergleichsweise hohe Toleranz für abstruse Theorien, auf die man instinktiv mit der Frage reagieren will, ob denn alle Beteiligten noch alle Tassen im Schrank hätten.

Abstrus klingende Theorien hat die Philosophie ja viele und bei den meisten davon drängt sich der Eindruck auf, der Urheber habe zu viel Freizeit und zu wenig Besseres zu tun gehabt. Nehmen wir einmal folgendes klassisches Gedankenexperent: Was wäre, wenn unsere Wahrnehmungen der Welt völlig unterschiedlich sind, wir aber nichts davon bemerken, weil wir unbemerkt verschiedenen Dingen gleiche Namen geben? Was also, wenn ich beispielsweise „Blau“ nenne, was für den nächsten ganz anders aussieht, weil er die Welt ganz anders wahrnimmt? Wir lernen die Namen der Dinge, indem mal irgendwer draufgezeigt und einen Begriff dazu genann hat. Aber ob wir das gleiche sehen, können wir ohne Gedankenlesen nie herausfinden.

Während jeder schon mal Gedanken dieser Art hatte, während er schlaflos im Bett oder zu lange in der Badewanne lag, verstehen die wenigsten, weshalb man das Ganze zur Wissenschaft erklären, Bücher darüber schreiben und junge Menschen dafür an die Uni schicken muss. Dass philosophische Theorien aber im wahren Leben immer wieder praktische Anwendung finden, mag folgende (ungelogene) Geschichte verdeutlichen.

Und zwar ist meine Ehe geprägt von sagenhaften Missverständnissen. Jeder kennt das Phänomen, dass ein Gesprächspartner den anderen auf akustischer Ebene derart falsch versteht, dass schon wieder ein irgendwie sinnvoller Satz bei ihm ankommt. Zwischen meinem Mann und mir scheinen da noch eine besonders unglückliche Aussprache (ich) und eine besonders rege Phantasie hinzuzukommen (er). Zum ersten mal wurde uns das so richtig klar, als ich ihm an einem Sonntagmorgen ein wohlwollendes „Dusch‘ fein!“ zurief und er bestürzt fragte, warum ich ihn als Schwein tituliere. Ein anderes Mal erwähnte ich, dass ich Piraten möge. Seine Antwort: „Was denn für ein Biergarten?“ Und mein persönlicher Favorit unter unseren Dialogen: „Ich habe gestern einen tollen Film gesehen: The Counselor“ – „SIE KAM ZU LAUT?!“

Irgendwann drängte sich mir die Frage auf, wie hoch eigentlich die Dunkelziffer unserer Missverständnisse sei. Wie oft mag es vorkommen, dass er nicht noch mal nachfragt, was ich gerade gesagt habe, weil es ihm ganz plausibel vorkommt? Beruht womöglich unsere ganze Ehe auf unentdeckten Missverständnissen? Ist alles, was wir über einander wissen, nur Illusion und Fehldeutung?

Ich ahnte, dass ich hier mit einer Variation des Gedankenspiels „Sehen wir alle Blau als Blau oder nennen wir gleich was wir verschieden wahrnehmen?“ konfrontiert war und eine wissenschaftliche Vorgehensweise gefragt war. Ich musste auf den Boden menschlicher Wahrnehmung gelangen und dabei die sprachliche Ebene vollständig umgehen. Nur so wäre es möglich herauszufinden, ob sich unsere Wahrnehmungen decken oder nicht.

Mein Auftrag an meinen Mann lautete also, ausgewählte Fragen zu unserer Beziehung zeichnerisch statt sprachlich zu beantworten. Meine erste Frage lautete: Was mache ich deiner Meinung nach beruflich?

Seine Antwort:

Uuh. Die Zeichnung lässt sich wahlweise als Oberbekleidungsverkäuferin, Modedesignerin oder Stripperin deuten, was alles eher wenig mit meiner Tätigkeit als Online-Redakteurin zu tun hat. Aber ein Mensch kann einen anderen schlimmer missverstehen und für sich sind das ja sicherlich alles ehrenwerte Berufsfelder. Belassen wir es dabei. 

Als Gegenprobe lautet meine nächste Frage, wie denn sein Job aussieht. Und will die Frage gleich wieder zurückziehen – was, wenn er jetzt Knarren und Meth-Labore zeichnet? Aber er ist schon fertig:

Er arbeitet am Computer. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Puh!

Eine Frage wage ich noch in Gedanken an unsere populärsten Missverständnisse: Was glaubt er, womit ich mich beschäftige, wenn er nicht zuhause ist?

Wollknäul und Stricknadeln, was bin ich erleichtert! Ein Hoch auf die Philosophie für die Rettung meiner Ehe!

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Lost Place

Heute kann ich euch leider keine Strickfortschritte zeigen, weil ich darauf warten muss, dass mein Mann nach Hause kommt. Aber dafür zeige ich euch, was wir am Sonntag beim Spazierengehen entdeckt haben: einen Lost Place. 

Lost Places nennt man Orte, Gebäude und Anlagen, die verlassen worden und in Vergessenheit geraten sind. In Horrorfilmen sind das immer alte Nervenheilanstalten, in denen die Farbe von den Wänden blättert und irgendwo eine Tür quietscht als treibe dort ein blutgieriger Geist sein Unwesen, aber dann war es doch nur der Wind und der Geist saß im verschimmelten Wandschrank. Hollywood eben. 

In der Realität kann man sich das genauso vorstellen, nur ohne die Geistergeschichten. Da spaziert man guter Dinge durch den Wald und steht plötzlich vor sowas:    

Mitten im Wald. Vielleicht eine alte Ziegelbrennerei?

Eine Vorhalle mit größtenteils eingestürzten Wänden, ein Hauptgebäude, dessen sämtliche Fenster und Türen im Erdgeschoss von innen zugemauert sind. 

Oder etwa nicht? 

Aufgemalte Steine?! 

 

Was wie Mauerwerk aussieht, ist eine Tür! Leider war sie verschlossen. 

Wir wollten das Innere des Gebäudes gern erkunden und suchten weiter. Ich links um das Haus herum, mein Mann rechts. Auf meiner Seite gab es nur Schutt, Graffittis und noch mehr vermauerte Fenster, aber mein Mann hatte mehr Glück. Nach ein paar Minuten winkte er mir aus einem der Fenster im Dachgeschoss zu.  

 „Wo ist der Eingang?“ rief ich. Aber er war schon wieder im dunklen Raum verschwunden. 

Als ich um die Ecke kam, sah ich den Eingang: 

Sehr witzig. 

Wie auch immer mein Mann da reingekommen ist, er hielt es für lustig, nicht mehr ans Fenster zu kommen. Als es dunkel wurde, habe ich ihm hochgerufen, dass ich jetzt heimgehe, und das habe ich dann auch gemacht. Soll er doch allein da rumspielen, wenn er es so toll findet. Männer!

So langsam vermisse ich ihn aber doch. 

  

Phantomas im Wollgeschäft

Wenn ihr das hier lest, habe ich es geschafft: Ich habe die Wachposten betäubt, die Schäferhunde mit Plätzchen gefügsam gemacht, die Alarmanlage gehackt, habe mich von der Decke abgeseilt, bin durch die Laserschranken geturnt, habe anhand von Fingerabdrücken den Zugangscode rekonstruiert und befinde mich jetzt in der nationalen Strickschatzkammer, wo Deutschlands Wollreserven verwahrt werden.

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Ich beginne jetzt damit, jedes einzelne Knäul zu herzen. Wenn ich vor Vollendung meiner Mission geschnappt werde lasst die Welt wissen: Ich bereue nichts!

Was reimt sich auf Laufmasche?

Ich war gestern auf einer freien Autoren-Lesung in einer örtlichen Kneipe (Für euch heißt das Poetry-Slam, Kinder). Das erste, was ich feststelle: Stricken macht geduldig. Und großzügig gegenüber langatmigen Landschaftsgedichten.

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Als Jugendliche habe ich mich auf Gedichte gestürzt wie eine Verdurstende auf eine Regenpfütze. Jetzt habe ich gegen Gedichte einen inneren Wiederstand wie ein Kind gegen einen Löffel voll Hustensaft: Ich weiß, dass es eine gute Sache ist, aber ich kriege sie immer nur mit wilden Grimassen herunter. Besonders wenn die Gedichte noch voller klebriger Adjektive ist.

Trotzdem gehe ich gern zu Lesungen. Ich finde es schön zu sehen, dass Menschen schreiben. Dass sie ihr eigenes Erleben und ihre eigene Stimme so wichtig nehmen, dass sie sich über ihre Selbstzweifel und Vergleiche mit „richtigen“ Schriftstellern hinwegsetzen und schreiben. Auch wenn nur ein paar klebrige Gedichte dabei herauskommen. Weil das immernoch wichtiger ist als alles, was andere davon halten.

Außerdem: Der kneipenansässige Alkoholiker hat alle Autoren und Autorinnen des Abends frenetisch beklatscht. Zumindest bis er rausgeworfen wurde. Und auch ich habe natürlich immer fleißig geklatscht. Stricken macht großmütig.

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(Ich wars nicht!)

Bad Hair Day?

Wohl eher Bad Hair Life.

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Buddhistische Mönche und Nonnen kriegen den Kopf geschoren, als Symbol dafür, dass sie nicht mehr am Weltlichen festhalten. Weil die Vorstellung, dass Schönsein gemäß gesellschaftlichen Idealen in irgendeiner Weise wahre Zufriedenheit bringen könne, eine Illusion ist. Der Buddha wird oft mit diesen kleinen Kringeln auf dem Kopf dargestellt um zu zeigen, dass er nach seiner Erleuchtung frei von diesen Illusionen war.

Keine Ahnung, warum mit das gerade einfällt.

5 Dinge, die ich von meiner Mutter gelernt habe

1. Das legoartige Teil, mit dem man Kabel verbinden kann, heißt Lüsterklemme.

2. Es gibt Menschen, die kleine Kinder mittels Klebebildchen in Kaugummipackungen LSD-abhängig machen wollen (aber vielleicht war das auch nur ein Ding der 80er?).

3. Wenn in der Nacht ein Feuer ausbricht, darf man sich nicht anziehen, sodern muss im Nachthemd auf die Strasse rennen.

4. Weihnachtsplätzchen schmecken am besten, wenn man Marzipan in den Teig einknetet.

5. Sean Connery war der beste James Bond von allen.