Entscheidungsschwierigkeiten

Ich habe heute die schöne, aber auch schwere Aufgabe zu überlegen, welches neue Projekt ich mit in den Urlaub nehme. Schön, weil neue Projekte immer aufregend und spannend sind. Schwer, weil es so gut sein muss, dass ich meine Entscheidung nicht nach zwei Tagen bereue und dann nur noch verbittert vor mich hin stricken kann. Soll ich meinen angefangenen Pullover mitnehmen? Nee, auf den habe ich schon die letzten drei Wochen keine Lust gehabt. Soll ich ein Tuch stricken? Puuh, ich weiß nicht … Soll ich diese eine Strickjacke endlich anfangen? Würde ich gerne, aber was ist, wenn sich das Muster als Katastrophe entpuppt?

Als ich die Problematik meinem Mann erklärt habe, rief er sofort: „Ich weiß, was du stricken kannst!“

„Was denn?“ fragte ich hoffnungsvoll.

„Einen Bikini!“ antwortete er freudestrahlend.

Ah. Danke.

Diese Vorstellung von einem Strickbikini hat sich irgendwie bei ihm festgesetzt, seit ich zum ersten Mal eine Stricknadel in die Hand genommen habe. Alle Versuche ihm zu erklären, dass Wolle kein geeignetes Material für Bademode ist, auch Baumwolle nicht, dass ein gestrickter Bikini nach Wasserkontakt alles andere als schön aussieht, dass auch Häkelbikinis zuletzt vor schätzungsweise 300 Jahren modisch waren und ich lieber in einen lebendigen Aal gewickelt am Strand liegen würde als in so einem Ding – vergebens!

Und so haben wir immer wieder die Bikini-Diskussion, vergessen sie aber eigenartigerweise beide nach einiger Zeit wieder vollständig, so dass sich die oben beschriebene Szene in regelmäßigen Abständen wiederholt: Er verkündet, er habe die perfekte Idee für mein nächstes Strickprojekt, ich rufe mit großen Augen „eeeeecht?“ und die Antwort lautet natürlich: „Na klar, einen Bikini!“ Das muss irgendwas mit bedingungslosem Vertrauen in den guten Willen des Partners zu tun haben. Man könnte ein Postkartenmotiv daraus machen: Liebe ist … daran glauben, dass er eines Tages einen konstruktiven Vorschlag für mein nächstes Strickprojekt macht. Oder: Liebe ist … daran glauben, dass sie eines Tages endlich einen Bikini strickt. Wir haben beide die Hoffnung noch nicht aufgegeben, vielleicht sind wir deshalb schon so lange glücklich verheiratet.

Ich muss aber der Fairness halber sagen, dass meine Entscheidungen dann letzten Endes auch nicht sehr viel rationaler sind als die Bikini-Phantasien meines Mannes. Zum Beispiel habe ich bei der Arbeit an meiner Häkeldecke für Lanade oft heftig mit den Zähnen geknirscht, weil ich viel lieber etwas aufregendes Neues anfangen wollte, statt nun das zwölfundrölfzigste Häkelquadrat zusammenklöppeln zu müssen. Kaum war ich fertig, kam mir die Decke aber vor wie das beste Ding auf Erden schlechthin und ich habe sofort mit der nächsten Häkeldecke angefangen.

Meint ihr, ich würde diesmal weniger über die vielen Häkelquadrate stöhnen? Nein, ich stöhne vermutlich sogar noch mehr, weil ich mir das zum zweiten Mal antue. Meint ihr, ich würde meine Entscheidung bereuen? Nein! Weil rationales Denken eben nur bis zu einem bestimmten Punkt reicht, wenn es um Wolle geht. Vielleicht sogar nur so weit, wie es nötig ist, um noch vor sich selbst als vernünftiger Erwachsener durchzugehen. Als jemand, die überlegt Wolle kauft und effizient ihre Projekte plant – aber unter dieser Fassade ist alles nur ein großer Kindergeburtstag mit einem riesigen Bällebad aus Wollknäulen. Und genau so sollte es doch auch eigentlich sein, oder?

Mein Favorit für mein Urlaubsprojekt ist mittlerweile ein Cardigan, den ich gerade eben erst unter großem Gefluche aus Madelinetosh Prairie gestrickt habe (den Bericht dazu könnt ihr aller Voraussicht nach ab Dienstag Freitag auf dem Lanade-Blog lesen), nämlich der Whippet von Ankestrick. Oder vielleicht doch einen Strickbikini.

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10 Gedanken zu “Entscheidungsschwierigkeiten

  1. Na ja, meine Planung für Urlaubsprojekte wäre gänzlich anders: viel zu viel Garn einpacken und mich gänzlich spontanen Ideen hingeben …
    Was den Stickbikini anbelangt (der aus technischen Gründen vielleicht doch besser gehäkelt werden sollte): Überrasche ihn doch mal mit einem, der niemals Wasser auch nur von der Nähe sieht und den er Dir im stillen Kämmerlein genüsslich vom Leib schälen darf …

    Liebe Grüße,
    Ute

  2. Die weste ist sehr schön, aber ich bin nicht so der Fan von gelben Klamotten;)…

    Meine weste stricken ich gerade ist martha von Astrid müller mit wollmeise…
    Was würden wir nur ohne Westen machen… Vor Sommer sind die doch eh nicht fertig

  3. Mein schönstes Urlaubsprojekt war ein Lace-Pullunder, den ich ausgewählt habe, weil ich dabei wenig Material mitschleppen musste und bei Sommerhitze kaum was auf dem Schoß liegen hatte. Ging erstaunlich gut von den Nadeln und ist toll geworden.
    Natürlich könnte man auch die Ärmel für die kommenden drei Projekte stricken.
    Zwei verschiedene kleine Projekte einplanen, falls eins sich als doof erweist, könnte auch hilfreich sein. Und das Thema Häkelbikini würd ich auch nicht ganz ausschließen. In der Sommer-Verena vom letzten Jahr waren zwei Bikinis und ein Badeanzug, letzterer hier:
    http://www.ravelry.com/patterns/library/-21-despina

  4. Oh, toll, den Whippet! Den habe ich auch auf meiner Liste und habe auch schon überlegt, ob die Prairie das richtige Garn wäre… oder lieber TML. Aber ich bin noch unsicher und frage mich, ob das nicht zu „schlabberig“ wird. Bin gespannt, was du dazu sagst (ob das Muster gut rauskommt etc.).

    • Die Prairie ist super! Das Muster kommt raus und nichts schlabbert. Das Teil ist federleicht! :) Man sollte nur generell nicht zu wilde Färbungen nehmen, sonst geht das Muster unter.

      • Geilo, das kommt sofort auf die Liste! Direkt nach den drei Kinderpullis, einer StillLight Tunika und besagtem Sado-Maso Viajante 🙃

  5. Doch, Strickbikinis können ganz einfach nützlich und modisch sein! Man braucht nur, wie beim allen Projekten, die richtigen Materialen. Seit langem habe ich Bikinitops für mich selbst mit Baumwolle gehäkelt, und war nicht besonders begeistert, bis ich die elastische Garne gefunden habe.

    Garne wie Alize Diva Stretch (http://www.ravelry.com/yarns/library/alize-diva-stretch) geben ein Resultat wie Spandex – und es ist so faszinierend!

    Wenn du mehr darüber sehen wiIlst, (ein bischen selbst-promo, aber nur weil es relevant ist xD) habe ein Häkeln-Design schon geschreiben, Alipa: http://www.ravelry.com/patterns/library/alipa
    Sehr bald wird auch die Strickversion veröffentlicht. ;)

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