Die rosarote Strick-Brille (und ein Tutorial!)

Die menschliche Psyche ist ein beachtliches Ding. Da gibt es Erfahrungen und Tätigkeiten, die außerordentlich unerfreulich sind und einen zu Äußerungen verleiten, derer man sich in jeder halbwegs zivilisierten Runde fürchterlich schämen würde. Ist es aber einmal überstanden, wird irgendein kleines Schalterchen im Gehirn umgelegt und man sieht alles mit verklärt romantisiertem Blick und sagt sich, dass man diese Erfahrung durchaus nochmal wiederholen könnte. Sitzt man dann erneut in der Achterbahn, im Tattoostudio, im Kreißsaal oder beim Zahnarzt, ist das Gebrüll wieder groß.

So geht es mir auch mit dem Stricken. Habe ich ein Teil fertig, finde ich Stricken super und suche direkt nach dem nächsten Projekt. Aber spätestens drei Stunden nach dem Anschlagen der ersten Maschen geht es dann los mit dem Geheule: Das wird doch alles nichts, das kann doch nichts werden, was tue ich hier eigentlich, was soll das alles …?!

Womit wir auch schon bei meinem aktuellen Projekt wären:

Der Fair-Alpaka-Malabrigo-Arroyo-Cardigan. Okay, das Problem mit den unterschiedlichen Färbungen der Arroyo ist gelöst. Das Alpakagarn scheint mich auch nicht zu pieksen. Dafür habe ich immer mehr Zweifel daran, ob meine Ausschnittgestaltung so gut aussehen wird, und wenn ja, ob mein Garn ausreicht.

Das Grundmuster ist eigentlich der Caramel von Isabell Krämer, bei dem ich die Front schräg ausgeschnitten haben wollte. Irgendwann ist mir dann aber aufgefallen, dass ich die Sache nicht so richtig durchdacht habe, denn bei meinem Zunahmetempo an den Frontkanten hätte ich vielleicht irgendwo über den letzten Zentimetern erst die erforderliche Breite erreicht. Also habe ich mit einem Blick auf den Effortless Cardigan von Hannah Fettig einfach die verbleibenden Maschen angeschlagen und dadurch eine eigenartige U-Form gewonnen. Ob das noch was wird? Ach ja, und ich habe nur noch 5 Knäul von dem naturfarbenen Alpakagarn. Was tue ich hier eigentlich? Und was soll das alles eigentlich?

Das Sinnvollste, was mir in dieser Situation eingefallen ist, ist ein neues Projekt. Das gibt mir wenigstens die Gelegenheit, etwas entspannter über den Caramel-/Effortless-/Murks-Cardigan nachzudenken. Der Shapely Boyfriend Cardigan sieht aus, als könne nicht viel schief gehen, und er passt perfekt zur Lana Grossa Arioso, die ich noch hier habe. Die Anleitung hat mir sogar direkt eine Zunahmetechnik für die Raglanschultern beigebracht, die ich noch nicht kannte und die viel besser ist als das Zunehmen aus dem Mittelfaden. Die Mittelfaden-Geschichte erzeugt bei mir nämlich bei manchen Garnen eine etwas unruhige Raglannaht, während die neue Technik viel gleichmäßiger aussieht. Seht mal hier den Vergleich:

Oben seht ihr die Raglannaht meines Fair-Alpaka-Cardigans mit der Maschenzunahme aus dem Mittelfaden (2 Maschen zwischen den Zunahmen), unten die Lifted Increase beim Shapely-Boyfriend-Cardigan (4 Maschen zwischen den Zunahmen).

Seht ihr was ich meine? Die Technik mit dem Mittelfaden verzieht (zumindest bei mir) die Maschen aus dem Steg zwischen den Zunahmen. Bei Lifted Increase bleibt der Steg ganz ordentlich. Ein weiterer Pluspunkt: Beim Lifted Increase ist es nicht so schwierig sich zu merken, wie man die Zunahme linksgeneigt oder rechtsgeneigt aufnimmt. Gott, was hab ich mir da bei der Zunahme aus dem Mittelfaden am Anfang einen mit abgebrochen!

Lifted Increase heißt übersetzt sinngemäß „abgehobene Zunahme“ und funktioniert nach dem selben Prinzip wie die Shadow Wraps, die ich euch schon mal gezeigt habe. In Kurzform: Man hebt eine Masche der Vor- bzw. Vorvorreihe auf die Nadel und strickt sie ab – schon hat man eine Masche dazugewonnen. Einfach, oder? Hier mit Bildern:

Right Lifted Increase (RLI) – Rechtsgeneigte Zunahme

Bei der rechtsgeneigten Zunahme der Lifted Increase hebt man die erste Masche unter der nächsten Masche auf der linken Nadel rauf auf die linke Nadel und strickt sie ab. Dann strickt man die Originalmasche auch noch ab.


Hier wird auch nichts verschränkt oder verdreht gestrickt und es kann praktisch nichts schief gehen. Die Neigung geht nach rechts – die rechte Nadel hebt die Masche hoch. Easy Peasy.

Left Lifted Increase (LLI) – Linksgeneigte Zunahme

Linksgeneigt geht’s genauso, nur dass jetzt die linke Nadel die Masche anhebt, und zwar (aufgepasst!) die zweite Masche unter der vordersten Masche auf der rechten Nadel. Der Grund dafür ist ganz einfach: Die vorderste Masche auf der rechten Nadel habt ihr ja gerade schon gestrickt, deshalb wäre eine Zunahme aus der ersten Masche darunter nicht mehr auf der gleichen Höhe wie die rechtsgeneigte Zunahme zuvor, die ja vorgenommen wird, bevor die Muttermasche gestrickt wird. Das klingt jetzt kompliziert, wird euch aber einleuchten, wenn ihr es selbst strickt.

Vielleicht bin ich die einzige Person, die diese Zunahme noch nicht kannte, aber ich bin sinnlos begeistert und erfreu mich an meinem Ausweich-Cardigan. Zumindest bis ich auch da auf ein Problem stoße. Dann fange ich vielleicht ein drittes Projekt an oder lass mir ein Tattoo stechen oder einen Zahn ziehen oder so.

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4 Gedanken zu “Die rosarote Strick-Brille (und ein Tutorial!)

  1. Vielen Dank für das Tutorial!
    Bei mir werden grundsätzlich alle Zunahmen aus dem Mittelfaden löchrig, egal ob verschränkt abgestrickt oder nicht, von daher freu ich mich drauf, mal diese Variante auszuprobieren. Und deine anderen schau ich mir auch noch mal an!

    Und mit dem Fair-Alpaka-Cardigan, vielleicht kannst du die Arroyo-Streifen nach unten hin breiter werden lassen? und die Naturfarbenen schmaler? oder was ganz asymmetrisches, ein Ärmel komplett in Arroyo, der andere natur, aber immer noch mit dünnen Arroyo-Streifen?
    Am Ausschnitt könnte man auch noch eine breitere Blende mit verkürzten Reihen anstricken, um diesen großen Bogen etwas auszugleichen, ansonsten bist du wohl dazu verdammt, den Cardigan immer geschlossen zu tragen, weil die Seiten sonst immer etwas rumschlabbern.

    Aber das wird sicher trotzdem total schön! Find das eine sehr schöne Farbwahl! Ich kauf ja immer keine Multicolorgarne, weil ich nicht weiß, wie ich die verarbeiten soll…Da bringst du gute Inspirationen!

    Schöne Woche dir!

    LG steffi

    • Hi Steffi,
      schlabbern soll er ja, die Front soll offen runterhängen – das Problem ist also zum Glück schon mal gelöst. ;-) Die Idee mit den dicker werdenden Streifen ist aber gut, damit werde ich etwas rumknobeln!

  2. Ach guck, die linksgeneigte Zunahme hab ich also immer falsch gemacht :-D
    Dein falscher Caramel sieht doch total super aus, die Konstruktion erlaubt dir sogar auf gut Glück weiterzustricken! Ich glaube, dass die fünf verbleibenden Knäuel reichen. Den Körper kannst du ja auf jeden Fall so zu Ende stricken und die Ärmel werden schon sehen, was noch über ist. Ansonsten gibts halt grüne Rippenbündchen um das gesamte Teil.
    Ich find den toll! ;-D

  3. Ich kannte diese Zunahme als „Zunahme aus tiefer gestochenen Maschen“, was sich in meinen Notizen aber immer total schlecht abkürzen ließ. RLI und LLI ist da doch etwas einfacher ;-)
    CraZy hat dazu ein super Video auf Youtube, wo sie auch den Vergleich zu anderen Techniken (Mittelfaden, Umschlag) zieht und diese hier für die beste befindet. Dem kann ich nur beipflichten. Jedenfals bei glatt rechts Gestricktem.
    LG
    Anja

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