15 Dinge, die ich gern gesagt bekommen hätte, als ich mit dem Stricken angefangen habe

  
Die Tage werden kürzer, die Temperaturen ungemütlicher, die Strickabende länger – da erwische ich mich immer öfter dabei, dass ich durch meine Ravelry-Favoriten und Strickbücher blättere und „hab ich schon“, „kenn ich schon“ und „mach ich grad“ brumme. Grob über den Daumen gepeilt stricke ich jetzt seit 4 Jahren ernsthaft, da hat sich schon ein bisschen was an Erfahrung angesammelt. An Routine leider auch. 

Wie aufregend und frisch war noch alles, als ich noch Neuling an der Stricknadel war! Jede unfallfrei abgestrickte Masche wurde mit großem Hurra gefeiert, jede Anleitung war wie eine Schatzkarte zu einem unbekannten Wunder. Andererseits habe ich aber auch viele Krisen durchstehen müssen, weil ich so ziemlich jeden denkbaren Fehler der Strickwelt einmal (oder auch fünfmal) gemacht habe, bevor ich die Lektion kapiert habe. 

Meine gesamte Umwelt hat sich in drei Lager aufgeteilt: Diejenigen, die gar nicht stricken konnten und es schon als pure Magie bezeichneten, dass ich eine Schlaufe in ein Stück Garn knüpfen konnte – die konnten mir natürlich nicht helfen. Dann diejenigen, die selbst schon Strickprofis waren und meine Anfängerprobleme nicht mehr nachvollziehen konnten („Nee Nina, beim Sockenstricken kann man sich kein Auge ausstechen“ beruhigt nicht so richtig. Der Fairness halber muss ich aber sagen, dass meine Augen tatsächlich heil geblieben sind) – leider auch nicht sehr hilfreich. Und dann gab es da noch diejenigen, die mir hervorragende Ratschläge gegeben haben, nur unglücklicherweise zum falschen Zeitpunkt, so dass ich sie achselzuckend in den Wind geschlagen habe, um vermutlich eine Woche später alles falsch zu machen, wovor man mich wohlwollend gewarnt hatte. Das ist der Stoff, aus dem griechische Tragödien gemacht sind!

Deshalb wünsche ich mir dieses Jahr vom Weihnachtsmann nur eins: In die Vergangenheit zurückreisen und mir selbst wie eine gute Fee all die guten Strickratschläge zum genau richtigen Zeitpunkt geben zu können, die ich gebraucht hätte. Ich habe mir dazu auch schon eine Liste gemacht:

15 Dinge, die ich gern gesagt bekommen hätte, als ich mit dem Stricken angefangen habe

1. Maschenproben sind sinnvoll. 

2. Im Ernst. Mach die Maschenprobe!

3. Es ist sinnvoller, direkt in austauschbare Nadelspitzen zu investieren statt riesige Billignadelsets auf eBay zu kaufen. 

4. Nein, man muss nicht zwangsläufig verrückt sein, wenn man mehr als 2 Euro für ein Knäul Wolle ausgibt. 

5. Nein, man wird nicht wahnsinnig, wenn man Lace strickt. Man kann tatsächlich am Gestrick ablesen, wo im Muster man sich befindet. 

6. Nina! Maschenprobe!

7. Pullover sind nicht so schwer, wie du denkst. 

8. Wenn du einen Pullover strickst, sollten die Pullovermaße vielleicht nicht identisch mit deinen Körpermaßen sein. 

9. Keine Sorge, der erste Pullover wird immer Quark. 

10. Maschenproben kann man sich sparen. 

11. War nur ein Witz. Marsch marsch, Maschenprobe machen!

12. Außer dir sieht niemand, wo du einen Fehler gemacht hast. 

13. YouTube weiß alles. 

14. Jetzt kommt es dir alles vor wie Murks, aber in ein paar Jahren wirst du deine Stricksachen auf zwei Blogs zeigen können, ohne dass dich jemand auslacht. 

15. Es ist keine Gehirnchirurgie, es ist nur Wolle!

 
Welche Ratschläge würdet ihr eurem jüngeren Strick-Selbst geben? Weihnachten ist die Zeit der Wunder!

Die rosarote Strick-Brille (und ein Tutorial!)

Die menschliche Psyche ist ein beachtliches Ding. Da gibt es Erfahrungen und Tätigkeiten, die außerordentlich unerfreulich sind und einen zu Äußerungen verleiten, derer man sich in jeder halbwegs zivilisierten Runde fürchterlich schämen würde. Ist es aber einmal überstanden, wird irgendein kleines Schalterchen im Gehirn umgelegt und man sieht alles mit verklärt romantisiertem Blick und sagt sich, dass man diese Erfahrung durchaus nochmal wiederholen könnte. Sitzt man dann erneut in der Achterbahn, im Tattoostudio, im Kreißsaal oder beim Zahnarzt, ist das Gebrüll wieder groß.

So geht es mir auch mit dem Stricken. Habe ich ein Teil fertig, finde ich Stricken super und suche direkt nach dem nächsten Projekt. Aber spätestens drei Stunden nach dem Anschlagen der ersten Maschen geht es dann los mit dem Geheule: Das wird doch alles nichts, das kann doch nichts werden, was tue ich hier eigentlich, was soll das alles …?!

Womit wir auch schon bei meinem aktuellen Projekt wären:

Der Fair-Alpaka-Malabrigo-Arroyo-Cardigan. Okay, das Problem mit den unterschiedlichen Färbungen der Arroyo ist gelöst. Das Alpakagarn scheint mich auch nicht zu pieksen. Dafür habe ich immer mehr Zweifel daran, ob meine Ausschnittgestaltung so gut aussehen wird, und wenn ja, ob mein Garn ausreicht.

Das Grundmuster ist eigentlich der Caramel von Isabell Krämer, bei dem ich die Front schräg ausgeschnitten haben wollte. Irgendwann ist mir dann aber aufgefallen, dass ich die Sache nicht so richtig durchdacht habe, denn bei meinem Zunahmetempo an den Frontkanten hätte ich vielleicht irgendwo über den letzten Zentimetern erst die erforderliche Breite erreicht. Also habe ich mit einem Blick auf den Effortless Cardigan von Hannah Fettig einfach die verbleibenden Maschen angeschlagen und dadurch eine eigenartige U-Form gewonnen. Ob das noch was wird? Ach ja, und ich habe nur noch 5 Knäul von dem naturfarbenen Alpakagarn. Was tue ich hier eigentlich? Und was soll das alles eigentlich?

Das Sinnvollste, was mir in dieser Situation eingefallen ist, ist ein neues Projekt. Das gibt mir wenigstens die Gelegenheit, etwas entspannter über den Caramel-/Effortless-/Murks-Cardigan nachzudenken. Der Shapely Boyfriend Cardigan sieht aus, als könne nicht viel schief gehen, und er passt perfekt zur Lana Grossa Arioso, die ich noch hier habe. Die Anleitung hat mir sogar direkt eine Zunahmetechnik für die Raglanschultern beigebracht, die ich noch nicht kannte und die viel besser ist als das Zunehmen aus dem Mittelfaden. Die Mittelfaden-Geschichte erzeugt bei mir nämlich bei manchen Garnen eine etwas unruhige Raglannaht, während die neue Technik viel gleichmäßiger aussieht. Seht mal hier den Vergleich:

Oben seht ihr die Raglannaht meines Fair-Alpaka-Cardigans mit der Maschenzunahme aus dem Mittelfaden (2 Maschen zwischen den Zunahmen), unten die Lifted Increase beim Shapely-Boyfriend-Cardigan (4 Maschen zwischen den Zunahmen).

Seht ihr was ich meine? Die Technik mit dem Mittelfaden verzieht (zumindest bei mir) die Maschen aus dem Steg zwischen den Zunahmen. Bei Lifted Increase bleibt der Steg ganz ordentlich. Ein weiterer Pluspunkt: Beim Lifted Increase ist es nicht so schwierig sich zu merken, wie man die Zunahme linksgeneigt oder rechtsgeneigt aufnimmt. Gott, was hab ich mir da bei der Zunahme aus dem Mittelfaden am Anfang einen mit abgebrochen!

Lifted Increase heißt übersetzt sinngemäß „abgehobene Zunahme“ und funktioniert nach dem selben Prinzip wie die Shadow Wraps, die ich euch schon mal gezeigt habe. In Kurzform: Man hebt eine Masche der Vor- bzw. Vorvorreihe auf die Nadel und strickt sie ab – schon hat man eine Masche dazugewonnen. Einfach, oder? Hier mit Bildern:

Right Lifted Increase (RLI) – Rechtsgeneigte Zunahme

Bei der rechtsgeneigten Zunahme der Lifted Increase hebt man die erste Masche unter der nächsten Masche auf der linken Nadel rauf auf die linke Nadel und strickt sie ab. Dann strickt man die Originalmasche auch noch ab.


Hier wird auch nichts verschränkt oder verdreht gestrickt und es kann praktisch nichts schief gehen. Die Neigung geht nach rechts – die rechte Nadel hebt die Masche hoch. Easy Peasy.

Left Lifted Increase (LLI) – Linksgeneigte Zunahme

Linksgeneigt geht’s genauso, nur dass jetzt die linke Nadel die Masche anhebt, und zwar (aufgepasst!) die zweite Masche unter der vordersten Masche auf der rechten Nadel. Der Grund dafür ist ganz einfach: Die vorderste Masche auf der rechten Nadel habt ihr ja gerade schon gestrickt, deshalb wäre eine Zunahme aus der ersten Masche darunter nicht mehr auf der gleichen Höhe wie die rechtsgeneigte Zunahme zuvor, die ja vorgenommen wird, bevor die Muttermasche gestrickt wird. Das klingt jetzt kompliziert, wird euch aber einleuchten, wenn ihr es selbst strickt.

Vielleicht bin ich die einzige Person, die diese Zunahme noch nicht kannte, aber ich bin sinnlos begeistert und erfreu mich an meinem Ausweich-Cardigan. Zumindest bis ich auch da auf ein Problem stoße. Dann fange ich vielleicht ein drittes Projekt an oder lass mir ein Tattoo stechen oder einen Zahn ziehen oder so.

Von Traumprojekten und handgefärbten Garnen

Nachdem ich die DROPS Flora so überraschend gut vertrage, habe ich mich gleich weiter ins Abenteuer Alpaka vorgewagt und ein Projekt mit Fair Alpaka in DK-Stärke angeschlagen. Zur Sicherheit aber eine möglichst halsferne Strickjacke nach dem Modell „Caramel“ von Isabell Kraemer – ich muss mein Glück ja nicht gleich herausfordern.

In der Farbwahl setze ich bei der Jacke einen lang gehegten Traum um. Seit ich vor über einem Jahr in einem Blogbeitrag von Caro die wunderschöne Kombi von naturfarbenem Garn mit Streifen in der Malabrigo-Färbung Lotus gesehen habe, habe ich nach einem Projekt gesucht, in der ich sie einsetzen könnte. Als mir dann erst Antje einen feisten 50-Gramm-Rest Arroyo in Lotus überlassen hat und ich kurze Zeit später auf dem Wollfest Hamburg zum Kauf der Fair Alpaka in Natur genötigt worden bin, war die Sache geritzt.

Es fehlte nur noch etwas Arroyo-Nachschub. Doch der brachte die große Ernüchterung:

Der sieht ja ganz anders aus?!
Dass handgefärbte Garne einer gewissen farblichen Schwankung unterliegen war mir bekannt, aber so einen krassen Unterschied habe ich noch nie gehabt. Und dabei fand ich das zart Pastellige so schön …

Aber gut, heulen bringt ja auch nix. Hätte ich die Jacke komplett mit der Arroyo stricken wollen, wäre das ein echtes Problem, aber da ich ohnehin nur schmale Streifen zwischen breite naturfarbene Streifen setzen wollte (nach Vorbild meines Strandgut-Tops), konnte ich den Farbunterschied verschmerzen, indem ich einfach die lotus-farbenen Streifen mit beiden Knäulen abwechselnd stricke:

Geht doch, oder? Die intensiver gefärbten Anteile des neueren Strangs verteilen sich unauffällig im Gesamtbild, damit kann man leben. Leider wirken die Farben auf dem Bild mangels Tageslicht sehr gedämpft, wenn die Jacke fertig ist zeige ich sie nochmal bei gutem Licht.

Flora-Pullover mit Ombre-Streifen, Naturjacke mit Lotus-Streifen – das waren gleich zwei Projekte auf meiner Traum-Strickliste. Was steht da noch drauf?

– Diese wunderschäne Strickjacke von Justyna Lorkowska

– Der Enchanted Mesa von Stephen West in einer menschengerechten Form anstelle dieses eigenartigen Kartoffelsack-Schnitts

– Einen schönen Fair Isle Pulli wie diesen hier

– Einen Rocky Coast Cardigen und einen Aidez

– Einen Nuvem, auch Suizidlappen genannt

– Diesen tollen Strick-/Häkel-Pullover (Glitzergarn!)

– Dieses blattförmige Tuch, auch wenn ich höchstwahrscheinlich total behämmert aussehe, wenn ich es mir um den Hals hänge

Circle Mitts!

– Ein tunesisches Häkelprojekt der wunderbaren Aoibhe Ni

Dieses Häkeltop, das ich dann vermutlich niemals anziehen werde

Was steht auf eurer Strick-Bucket-List? Ich lasse mich immer gerne begeistern!

Das Leben ist ungerecht. Aber zu meinen Gunsten!

Yay, mein Flora-Pullover ist fertig!


Nach meinem kleinen Drama mit der Mini-Rundstricknadel bin ich wieder auf mein treues Bambus-Nadelspiel umgestiegen. Fazit: Für Ärmel 1 mit Mini-Rundnadel habe ich allein für die vier türkisen Streifen eine Woche gebraucht. Für Rest von Ärmel 1 und den kompletten Ärmel 2 mit dem Nadelspiel 3 Tage. Ich wollte dich wirklich gern haben, Mini-Nadel! Vielleicht ein andermal.

Der fertige Pullover ist ein echtes Phänomen. Ich habe bei Stricken so große Zweifel gehabt: Körperteil zu kurz, Ausschnitt zu eng, Brustumfang zu weit, Hüftumfang zu schmal, Wolle zu kratzig … aber aufribbeln und neu machen? Och nö, lass mal.

Es sprach also alles dafür, dass der Pullover ein Reinfall wird. Aber dann habe ich ihm ein Bad verpasst, ihn hängend trocknen lassen und siehe da: Alle Probleme haben sich von selbst gelöst! Passform super, Kragen geweitet, Länge verlängert, Pieksfaktor reduziert, super Pulli! Das Leben ist ja häufig ungerecht, aber manchmal eben doch in die richtige Richtung. Ich beschwere mich bestimmt nicht!


Die vier türkisen Streifen sind übrigens ohne viel Planung entstanden. Das Garn dafür stammt aus einem Mini-Pack von Skein Queen mit jeweils 20 Gramm farblich abgestimmt gefärbtem Merinogarn. Ich hatte keine Ahnung, wie weit ich damit komme, sondern einfach einen kleinen Vorrat der gleichstarken DROPS Flora gekauft und von oben nach unten losgestrickt. Kurz vor der Unterteilung von Körper und Ärmeln habe ich die erste Farbe angesetzt, nach einigen Runden die Ärmel stillgelegt und nach Augenmaß weitergestrickt. Dann den Faden gekappt, das Restknäul auf die Waage gelegt, den Streifen an einem Ärmel angestrickt und wieder das Knäul auf die Waage gelegt, um zu ermitteln, ob es auch noch für den Streifen am zweiten Ärmel reicht. Reichte es, deshalb Faden ab und nächster Streifen.

Nach dem vierten türkisen Streifen habe ich mich dann dazu entschieden, in Natur weiter zu machen und auf den fünften Streifen zu verzichten. An dem Muster ist also wenig im Vornhinein geplant und das meiste spontan entschieden worden. Und obwohl das nicht immer meine Stärke ist, bin ich am Ende mit dem Garn gut ausgekommen. Hier mein verbleibendes nichtverwendetes Knäul neben einem Restchen nach Stricken des zweiten Ärmels:


Hätte auch schief gehen können!

Von der DROPS Flora habe ich gerade mal 4 Knäul verbraucht –  200 Gramm! Da mich mein hervorragendes Augenmaß im Vorfeld dazu gebracht hat, die doppelte Menge zu bestellen, könnte ich glatt noch einen zweiten Pullover dieser Art stricken. Bunte Reste in Sockenwollstärke finden sich garantiert zu genüge in meinem Wollzimmer …