Wollfest Hamburg 2016

Ihr habt vielleicht schon davon gehört, dass letztes Wochenende in Hamburg das Wollfest stattgefunden hat. Das war soetwas wie eine kleine Messe für Strickerinnen, auf der man wunderschöne Garne kaufen, großartige Workshops belegen und generell durchdrehen konnte. Nix für mich also.

In einem Anfall von Selbstdisziplin habe ich mir tatsächlich vorgenommen, nicht hinzufahren. Ich kaufe mich ja schon im Internet dumm und dusselig, was soll da erst passieren, wenn ich die ganzen tollen Garne vor der Nase habe? Da werde ich arm!

Eine Woche vorher klingelten dann Carolin und Antje von Lanade bei mir an, die ihre Wollfest-Köfferchen schon seit Monaten bereitstehen hatten. „Kommst du nächstes Wochenende auch?“ – „Nee …“ – „Och komm!“ – „Nee!“ – „Och bitte!“ – „Okay, ich bin dabei.“

Und so fand ich mich eine Woche später, also letzten Freitag, in der vielleicht spontansten Kurzreise meines Lebens mit Caro und Antje in Hamburg wieder. Ich wusste selbst nicht so ganz, wie ich da hingekommen bin.

Samstag früh ging es dann los. Stadtkarte brauchten wir nicht, die erfahrene Strickerin folgt einfach ihrem Wollinstinkt.

Und der führte zu: Wolle! Fantastisch viel Wolle in fantastischen Variationen, Reihe an Reihe.

Während die Damen um mich herum plötzlich Verhungernden glichen, denen man ein Festbankett vorgesetzt hatte, schlenderte ich mit kühler Gelassenheit durch die Gänge. Ich brauche eigentlich im Moment keine Wolle, dachte ich bei mir. Ich wüsste auch gar nicht, was ich damit stricken sollte. Und überhaupt. Habe ich so ein Garn nicht sogar noch zuhause liegen?

Ich befühlte ein paar Stränge, tätschelte ein paar Knäul und wähnte mich in voller Kontrolle meiner tierischen Instinkte, als Antje in der Menschenmenge an mir vorbei getrieben wurde, einen hinreißend gesprenkelten Strang Merinowolle an sich gedrückt, und mir zubrüllte: „Schau mal was ich habe! Die gibt es da drüben!“

„Da drüben“ fand ich dann zwei weitere Bekannte im Zustand fortgeschrittener Ekstase. Zu dritt haben wir so ziemlich jedes einzelne Garn der Halle angegrabscht und mit Ooohs und Aaahs und Ohmeingotts kommentiert, bis dann schließlich eins zum anderen führte und ich am nächsten Morgen mit zwei Strängen Wollmeise und einem Pfund Fair Alpaka im Arm aufgewacht bin. Unter anderem.

Noch besser als die Wolle fand ich aber eigentlich sogar die Menschen auf dem Wollfest Hamburg. Es war wunderbar zu wissen, dass alle um einen herum die gleiche Leidenschaft für Wolle und Stricken haben. An den Verkaufsständen gab es kein Haareziehen, sondern gegenseitige Garnberatung und -empfehlungen und ständig fragte irgendjemand irgendwen, welches Muster und welches Garn denn für diese Strickjacke oder diesen Pullover verwendet worden sei, das sehe ja traumhaft aus.

Viele haben mich auf meinen Blog angesprochen, was mich total gefreut hat, weil ich nie so genau weiß, wie viele hier eigentlich mitlesen. Ich bekomme zwar von WordPress angezeigt, wieviele Besucher den Blog betreten, aber über die Handvoll treuer Seelen hinaus, die regelmäßig Kommentare schreiben, weiß ich nie, ob das nicht vielleicht alles verirrte Surfer und Googlebots sind.
Ich für meinen Teil habe auch einige Designerinnen auf dem Wollfest entdeckt, aber meistens nicht dran gedacht, sie um ein Foto zu bitten. Außer Ysolda Teague, bei der ich einen Workshop zum Thema Maschenprobe belegt hatte:

Ich finde sie toll. Sieht man mir auf dem Foto vielleicht an.

Außerdem habe ich mir eine Vorführung von Martina Behm angesehen, bei der sie gezeigt hat, wie man ihre Tücher tragen kann. An Isabell Kraemer und Justyna Lorkowska dagegen bin ich nur mit offenem Mund vorbeigelaufen und habe geistig „Das ist doch … das ist doch …!“ gestottert, bis mir eingefallen sind, wer sie sind und welche ihrer Designs ich gestrickt habe. Woraufhin die Begegnung natürlich schon wieder eine halbe Stunde her war.

Am Ende meines Besuchs auf dem Wollfest gab es dann noch ein kinoreifes Drama. Ich hatte all meine Einkäufe eingepackt und war bereit zum Abmarsch in Richtung Bahnhof, als ich ein leises Stimmchen hörte: „Mama! Maaama…!“ Was war da los? Ein Kind in Not? Niemand sonst schien etwas gehört zu haben. Ich folge den leisen Rufen durch die Hallen. „Mammi, wo bist du?“ Mutterinstinkte auf 100 %. Am Stand von Skein Queen habe ich sie dann entdeckt. „Da bist du ja endlich, Mama! Bringst du uns nach Hause?“

Wie könnte ich den Kleinen diesen Wunsch abschlagen? Also verabschiedete ich mich von meinem letzten Geld und vom Wollfest Hamburg und trat die Heimreise an. Ich bin froh, dass ich doch noch hingefahren bin!

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23 Gedanken zu “Wollfest Hamburg 2016

  1. Oh Gott, ich bin so froh dass Hamburg ganz weit weg von mir ist. Das wäre mein Ruin gewesen :D Allein schon diese wunderschönen Bilder….hach <3 <3

  2. Liebe Marie (ja ok, ich weiß,dass das nicht dein richtiger Name ist), aber als ich zufällig durch einen anderen Blog oder ein tolles Bild von einem deiner „Machwerke“ auf der Google-Suche auf deinen Blog gestoßen bin, hab ich mir schon gedacht, dass jemand, der sich selbst “ Havariemarie“ nennt, wohl eine leichte Klatsche haben muss! Und das meine ich auf keinen Fall abwertend! Was habe ich nicht schon über deine tolle Schreibe gelacht, vor allem aber erkenne ich mich darin selbst wieder, die Nöte und Sorgen einer Strickerin, die Selbstkasteiungen wegen zu hoher Wollvorräte und doch wieder schwach werden und und und …….
    Bitte bitte bleib so, schreib weiter so toll und lass uns weiter an deinem Leben teilhaben. Ich liebe es!😍

  3. Herrlich dein Bericht, ich würde auch gerne mal hin fahren :-).
    Was mir aufgefallen ist (auch bei anderen Berichten) Selbstgestricktes wird nicht oft getragen auf den Messen, komisch oder? LG aus Niedersachsen Martina

  4. Das ist so ein toller Bericht geworden, einfach super. Deine Art zu schreiben mag ich wirklich sehr. Es ist so erfrischend leicht und verursacht oft ein Schmunzeln. Die Begeisterung für Wolle teile ich uneingeschränkt und ich beneide Dich um Deinen Besuch in Hamburg. Aber auch mich hätte der Kaufrausch erfasst, deshalb ist es gut, dass Hamburg gaaanz weit weg ist. Wie Du aber schon schreibst, ist auch der Wolleeinkauf im Internet nicht immer ganz steuerbar. Da heißt es immer wieder: haaaaben wollen!!!!
    Wie Du ebenfalls in Deinem Beitrag schreibst, gibt es sicher viele stille Leser hier . Aus diesem Grund möchte ich mich hiermit als Fan Deiner Seite outen und mal ganz offiziell kommentieren. Sehr regelmäßig schaue ich hier vorbei und lese gern die wollenen Nachrichten. Danke auch für die vielen netten Tipps und Ratschläge rund ums Stricken und Häkeln.
    Liebe Grüße von Heike

  5. Ich bin auch eine stille, aber regelmäßige Leserin. Ich habe dich auch gesehen (auf der Treppe im Foyer). Ich habe mit mir gerungen, ob ich dich ansprechen soll. Ich habe es letztlich gelassen. Weiß auch nicht, warum. Mir ging es genauso und ich habe ordentlich die Wirtschaft angekurbelt:-). Ich habe beim Lesen deines Berichts geschmunzelt und mir gedacht: Ja, so isses.

    Liebe Grüße,
    Astrid

    • Mir war gar nicht klar, dass ich so wiedererkennbar bin! Dann haben mich womöglich so einige Leute auf dem Wollfest nicht deshalb so stirnrunzelnd angesehen, weil ich so übernächtigt aussah, sondern weil sie mich erkannt haben? Wie dem auch sei, du kannst mich beim nächsten Mal sehr gerne ansprechen. ;)

  6. Hach, das klingt wirklich alles zu nett, danke für den schönen Bericht! Ich werde mal meinen Vorratsabbau vorantreiben und ein bisschen sparen, und da eine liebe Freundin von mir in Hamburg wohnt, werde ich sie einfach nächstes Jahr überfallen und mitschleppen.
    Die Wolle sieht schon auf den Bildern richtig kuschlig aus. Weißt Du schon, was die Kleinen werden wollen, wenn sie mal groß sind?

  7. Hallo,
    bin momentan auf der Ile de Ré und lese mit Vergnügen Deinen Bericht über das Wollfest. Bin, wie viele andere Strickerinnen, froh, nicht dort gewesen zu sein, da ich, trotz riesiger Wollvorräte, immer wieder schwach werde.
    Auf jeden Fall danke ich Dir für diesen netten Bericht und überhaupt für Deine regelmäßigen Beiträge in Deinem Blog – immer lesenswert, sehr lesenswert!
    Liebe Grüße
    Cordula

  8. Pingback: Inspiration 36: Wollfest Hamburg, über das Stricken und selbstgemachtes Bulky Garn - Gemacht mit Liebe

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