Zen in der Kunst des Strickmusterverkackens

Ein kluger Zen-Meister hat mal gesagt, bei einem achtsamen Leben kommt es vor allen Dingen darauf an, einen Anfängergeist zu entwickeln. Ein Experte sieht die Dinge durch die Brille seiner Expertise und ist deshalb extrem eingeschränkt in seiner Wahrnehmung. Ein Anfänger aber sieht alles zum ersten Mal und kann deshalb alles unvoreingenommen erleben. 

Was soll ich sagen? Der Mann hat Recht!

Bei dieser Strickjacke von Justyna Lorkowa habe ich so richtig gepatzt. und zwar auf eine Weise, die mir als Anfängerin nie passiert wäre. 

Als Anfängerin habe ich nämlich jeden Satz einer Anleitung zehnmal gelesen und jede Anweisung gewissenhaft befolgt. Wenn da irgendwo stand „jetzt Maschenmarker setzen“ habe ich einen Maschenmarker gesetzt, wenn da irgendwo stand „jetzt 10 Reihen weiter im Muster arbeiten“ habe ich das nicht einfach überlesen. Um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

Jetzt aber, als fortgeschrittene Strickerin? Pfff, was sollen die ganzen Marker? Was soll ich so genau in die Anleitung gucken? Ich bin Experte, ich krieg das schon hin … nicht. Und jetzt habe ich einen extrem schiefen Halsausschnitt, herzlichen Glückwunsch. Also: ribbeln und Anfängergeist kultivieren. 

Das Garn, mit dem ich die Jacke stricke, ist übrigens die wundervolle Malabrigo Rios in der Farbe Paris Night, die ich mir selbst zum Geburtstag diese Woche geschenkt habe. 33 bin ich geworden, was ich in stillen Momenten total befremdlich finde. Mit 13 hatte ich immer die Vorstellung, dass man mit 30 irgendwie fertig sei als Mensch. Dann ist man erwachsen, dachte ich, hat Mann, Job, Haus, weiß immer was zu tun ist und bleibt irgendwie der gleiche Mensch bis man dann – pling! – ins Omialter kommt und dann gehts genauso weiter nur mit weißen Haaren. Und jetzt bin ich über 30, fühle mich aber weder fertig noch weiß ich jemals wirklich was zu tun ist, und der einzige Unterschied zu 13 besteht darin, dass ich jetzt verheiratet bin, arbeiten gehe und einen Immobilienkredit abbezahlen muss. Hab ich was verpasst?

Davon abgesehen werde ich gern älter und finde es unsäglich, über das eigene Alter zu jammern. Wir hören alle schon noch früh genug auf mit dem Älterwerden. Und wenn ich mich so umsehe, scheint es mir eine gute Leistung zu sein, ein weiteres Jahr in dieser Welt durchzuhalten, ohne von einer unheilbaren Krankheit, einem entgleisten Zug oder einem religiösen Fanatiker erwischt zu werden. Von daher halte ich das Älterwerden für eine verdammt feine Sache und hoffe sehr, dass ich es bis ins hohe Omialter schaffe. Mit weißen Haaren und allem. 

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12 Gedanken zu “Zen in der Kunst des Strickmusterverkackens

  1. Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Das mit dem Ausschnitt ist ja mal wirklich dumm gelaufen aber tröstlich für mich denn ich so als Anfänger komme mir total doof vor beim zwanzigsten Durchlesen und nicht kapieren von Anleitungen. Weit entfernt also von einfach drauf los stricken danke ich dir für die Erinnerung daran dass auch prima Strickerinnen wie du nicht immer alles sofort hin kriegen und nach einer Woche fünf Zopfmusterpullis fertig haben!
    Ich kenne das Gefühl übrigens gut, das du da beschreibst, ich hab die Leute über 30 früher auch immer alle für scheintot gehalten. Oder zumindest im Leben fest installiert. Pustekuchen! Bin ich auch nicht.
    Aber das ist in der Tat kein Grund zum jammern und die weissen Omihaare, ja also die will ich auch irgendwann mit Stolz und Freude tragen.
    Wir leben leider in einer schrecklichen Zeit in der Alles auseinander zu fallen scheint.

  2. Auweia! Da ist echt was verdammt schief gelaufen. Möge es in diesem Lebensjahr der einzige Patzer bleiben. Viel ist ja nicht zu ribbeln…
    Zum Geburtstag alles Gute nachträglich, mögen Deine Wünsche reichlich in Erfüllung gehen!

  3. Herzlichen Glückwunsch nachträglich! Mit dem Garn hast Du Dir ein sehr schönes Geschenk gemacht, gut so!
    Ich habe früher auch immer gedacht, mit dreißig wüsste man, wo’s lang geht, und hätte alles im Griff. Ha! Andererseits wäre es auch langweilig, mit dreißig schon fertig zu sein, dann hätte man vierzig, fünfzig, vielleicht gar sechzig Jahre vor sich, ohne sich zu entwickeln. Wie Du schon sagst: Älter zu werden ist eine feine Sache. Und ein bisschen Ribbeln ist auch halb so wild. :-)

  4. Auch ich wünsche dir noch alles Gute nachträglich .
    Das mit dem Ausschnitt ist ja mal ärgerlich , bin ganz zuversichtlich das du es beim zweiten Anlauf fehlerfrei hinkriegst .
    PS. auch mit fünfzig ist man noch nicht wirklich fertig und ausgelernt hat man eh nie so wirklich

  5. Autsch. Dumm gelaufen, mit dem Ausschnitt. Schnell reparieren, denn das Garn ist super schön.

    Ich glaube aber nicht, dass das so ein Faux-Pas auf Schludrigkeit einer erfahrenen Strickerin zurückzuführen ist. Meiner Meinung nach ist das unter anderem auch die Schuld von völlig verdummenden, neumodischen Anleitungen :o/ Das wäre einer erfahrenen Strickerin mit einer rudimentären Verena oder Sabrina Strickanleitung aus den 80er oder 90ern so nicht passiert, da man bei denen eben mitdenken muss und nicht einfach wegstrickt und dann mal schnell eine wichtige Zeile überliest. Deshalb bin ich so extrem im Zwiespalt wenn ich selbst so eine 20-Seiten-Anleitung stricke. Einerseits denke ich: „Cool, alles haarklein beschrieben, einfach stricken!“ Andererseits stressen die mich auch total, eben WEIL ich alles so klein, klein lesen, nachvollziehen und abhaken muss. Grauselig.

    Zum Geburtstag nachträglich alles Gute! Ich habe ja den Eindruck, dass wir alle heute mit 30, 35 oder 40 irgendwie (im Geiste?) viel jünger sind als viele Leute vor 20 oder 30 Jahren. Und dass so ein oder andere mit Mitte 20 schon so alt ist wie ich nie werden möchte ;o)

    Viele Grüße
    Susan

    • Bei den neueren, superdetaillierten Anleitungen gebe ich dir absolut Recht. Da wünsche ich mir oft einen kleinen Wegweiser zwischendurch, der mir sagt, was ich da eigentlich gerade mache, damit ich weiß, wie nötig das überhaupt ist. Spätestens bei Anleitungen, die mir für jede Wiederholung eines Lacemusters einen extra Maschenmarker vorschreiben, fühle ich mich etwas bemuttert. Ist ja schön, wenn es jemandem hilft, aber noch schöner wäre, wenn es als optionale Hilfe angekündigt werden würde.
      Naja, bei meiner Jacke wäre der Maschenmarker dann wichtig zum korrekten Messen gewesen. C’est la vie!

      • > Da wünsche ich mir oft einen kleinen Wegweiser zwischendurch, der mir sagt, was ich da eigentlich gerade mache, damit ich weiß, wie nötig das überhaupt ist.

        Ja, da hast Du recht. Ich hatte noch nie so richtig formuliert, was mir bei diesen Anleitungen so Schwierigkeiten bereitet. Mir fehlt da tatsächlich auch der Blick für das Großeganze!

    • Ich stimme Dir voll zu. Und bin froh, dass ich nicht die einzige bin, die diese neuen, seitenlangen Anleitungen nervig und anstrengend findet.

  6. Bin gerade auf deinen Blog gestossen, super. Ich habe auch immer mehrere Projekte laufen und grübele schon wieder über die nächsten 2 Pullover nach. Da ich auch schrecklich empfindlich bin und Mohair, Alpaka und Angora mich sofort in den Wahnsinn treiben, habe ich zum Glück Holst Garne entdeckt. Die Noble besteht zu 95% aus Geelong Merino und 5% Kaschmir, sie wird beim Waschen kuschelweich und juckt garnicht. Ich habe schon viel damit angestellt und brauche eigentlich nichts anderes mehr!
    Freue mich schon, mehr von dir zu lesen👍

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