Von Bergsteigern und UFOs

Bergsteiger, stelle ich mir immer vor, haben irgendwo auf halber Strecke zwischen Boden und Bergspitze so einen Moment, in dem sie anhalten und sich umsehen. Nach oben hin sieht es so schwierig aus, dass sie nicht wissen, ob sie den Aufstieg bis zur Spitze schaffen. Es zu schaffen wäre fantastisch. Aber wenn sie es nicht schaffen, müssten sie so viel mehr Strecke wieder bergabklettern als wenn sie jetzt sofort umdrehen. Wenn sie jetzt umdrehen, sparen sie also Zeit und Hoffnung, die sie in das Erreichen der Spitze stecken würden. Aber wenn sie den Gipfel vielleicht doch erreichen könnten …!

Ich bin mir sicher, meine Bergsteigerkarriere wäre gleich beim ersten Berg beendet, weil ich in meiner Unfähigkeit, mich zwischen Auf- und Abstieg zu entscheiden, schlichtweg auf halber Höhe verhungern würde. Und das weiß ich deshalb so genau, weil es beim Thema Wolle ganz genau so ist.

Am Samstag habe ich den Alyssium Cardigan angefangen. Eins der wenigen gehäkelten Oberteile, in denen man für mein Empfinden nicht wie ein menschgewordener Topflappen aussieht. Mein Garn ist die Drops loves you #7 in einem hübschen Pink, so ziemlich gleiche Garnstärke wie das von der Designerin vorgeschlagene Garn.

Nun habe ich nur das Problem, dass ich die Sache mit der Maschenprobe für Häkelstücke schlichtweg nicht raffe. 18 Maschen im V-Muster sollen 10 cm ergeben. Okay. Ich brauche für 10 cm 24 Maschen. Auch okay. Mein Teil sollte rein logisch dadurch zu klein werden. Tatsächlich ist die sich abzeichnende Schulterbreite aber genau passend, obwohl ich das Muster nicht auf meine Maschenprobe umgerechnet habe! Warum? Waaaruuuum?

Die große Frage ist jetzt: Weitermachen oder ribbeln? Wenn ich weitermache, holt mich vielleicht in 20 Arbeitsstunden und 7 Knäulen mein Logikfehler ein und macht die gesamte Häkeljacke untragbar (ich hab da schon so ein Trauma mit meinem allerersten großen Häkelprojekt …). Jetzt ribbeln würde mir also viel Zeit und Leid ersparen. Aber wenn es gar kein Problem gibt und die Jacke gut wird, wie großartig wäre das? Das wäre sehr, sehr großartig!
Was tun? Ribbeln? Risiko?

Die naheliegendste Lösung heißt natürlich: Was anderes machen. Nach einem unmotivierten Streifzug durch Ravelry und das Woll-Internet hatte ich dann plötzlich eine Anleitung für einen ganz tollen Patent-Pullover vor Augen. Schnell zu stricken, schöne Details und hatte ich das Garn dafür nicht sogar noch mit ein paar angestrickten Reihen irgendwo liegen? Auf ins Garnlager!

Ach ja.
Ich hatte damals nicht nur ein paar Reihen gestrickt, sondern den kompletten Rücken und beide Fronten einer Strickjacke. Als ich dann den ersten Ärmel angestrickt habe, sah der mir so unförmig aus, dass ich wieder vor dem alten Dilemma stand: Ribbeln oder Risiko? Ribbeln! Nein, Risiko! Oder doch besser ribbeln? Ach was, weglegen und was anderes stricken.

Und jetzt stehe ich zum zweiten Mal beim selben Teil vor diesem Problem, denn bei der Wiederentdeckung der halbfertigen Jacke ist mir blitzartig eine Idee gekommen, wie ich die Ärmel besser, nämlich passend stricken könnte (Maschen an der Schulter aufnehmen, in Runden stricken und immer wieder anprobieren – Nobelpreis, ich komme!).

Die Frage ist jetzt also: Strickjacke zuende stricken oder ribbeln und Patentpullover stricken? Wird die Strickjacke so gut wie der Pullover? Wird sie besser? Wird sie schlechter? Ist der Pullover überhaupt gut? Aber ich mag Strickjacken lieber! Aber ist diese hier nicht zu kurz? Aber sie ist fast fertig! Aber der Pullover sieht so gut aus! Aber die Jacke ist FAST FERTIIIIIG!!!

Wisst ihr was? Ich geh Fußball gucken.

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22 Gedanken zu “Von Bergsteigern und UFOs

  1. Liebe Havariemarie,

    ribbeln und den Omatopflappen vergessen…… da gibt es schönere Modelle. Gut, das Du schon an der Maschenprobe gestoppt hast :-)

      • hast Du beim Fußballgucken doch schon angefangen und den schwierigen Entscheidungsprozeß bewältigt…? Hihi, das muß das Spiel gegen Polen gewesen sein, schmunzel…..da war alles andere besser als Fußballgucken, sogar die Maschenprobe für eine Topfjacke ähem Häkeljacke…… :-))))

  2. Liebe Nina,
    ich kann mich Britta nur anschließen. Häkeljacken sehen für mich einfach irgendwie immer altbacken aus, auch wenn sie so schön pink ist. Wenn du wirklich nicht ribbeln willst, kannst du die halbfertige Jacke doch immer noch als Topflappen verwenden, da hat sie wenigstens noch eine ehrenvolle Aufgabe, als traurig als UFO zu enden ;-)
    Strickst du dir beim Fußballgucken ein eigenes Stadion inklusive Rollrasen oder was hast du da schönes grünes auf den Nadeln?
    Liebe Grüße

    • Oje, bin ich so stilverirrt? Dann gehts wohl doch ans Ribbeln…
      Das grüne Teil sieht ganz ungewollt wie Rollrasen aus, aber fesch, gell? Davon werde ich noch berichten. :)

      • Haha, nein sooo stilverirrt bist du nicht. Da hättest du schon beigefarbenes anstatt pinkes Garn nehmen müssen :-D
        Ja, das was man erkennen kann sieht schonmal richtig schicki aus. Bin schon gespannt was das wird.

  3. Liebe Havariemarie,

    die Jacke ohne Ärmel hast Du so gut gestrickt; wieso ribbeln? Schadet dem schönen Garn und Du musst sie erst wieder nass machen und strecken, ehe Du sie weiterverwenden kannst.
    Die Machen für Ärmel direkt am Ärmelloch aufnehmen ist eine gute Idee. Das habe ich letztens auch bei einem gestrickten Sommerjäckchen gemacht (mit Ndlstärke 3,5/ 4). Ist wunderbar geworden; besonders, weil ich lieber so dreiviertel lange Ärmel mag- ist praktischer beim Arbeiten und wenn es noch etwas nachleiert auch kein Problem.
    Was hältst Du von „Weste“ statt „Jacke“? Ich würde an den Armlöchern Maschen zum Rundstricken aufnehmen, ein paar Reihen stricken, dann ein paar Reihen im Bündchenmuster stricken und locker abketten (gibt dann einen „überschnittenen Ärmel/ Schulter“).
    Westen schmeicheln der Figur, halten den Rücken schön warm, wenn´s mal etwas kühler ist, aber man hat noch immer genug Bewegungsfreiheit beim Arbeiten und kommt nicht soooo schnell ans Schwitzen.
    Und zu der Häkelweste: Das Muster finde ich sehr massiv; ich würde es mit einem dünneren Garn (Ndl.stärke 2/ 2,5) versuchen. Oder ein abwechslungsreicheres Muster versuchen. Es wirkt auf dem Foto etwas bieder im Vergleich zum Foto der Originalanleitung – da scheint mir ein Leinengarn verarbeitet?)
    Aber lass Deinen Geschmack nicht verwirren. Der ist ja zum Glück bei jedem anders.
    Liebe Grüße und toi, toi, toi
    Sabine

    • Naa… wenn schon Ärmel dann richtig! :-D
      Aber bei Ärmeln teilen sich echt die Lager. Ich kenne ganz viele, die wie du am besten mit 3/4-Ärmeln oder Westen klarkommen. Für mich dagegen können Ärmel gar nicht lang genug sein. Alles Frieren und Überhitzen findet bei mir an den Unterarmen statt, da müssen die Ärmel dann je nach Temperaturstand rauf oder runter. :)

      Beim Häkelcardigan habe ich langsam den Verdacht, dass er echt für dünneres Garn gedacht ist. Oder ich irgendwas falsch verstanden habe.

  4. Die gehäkelte Strickjacke sieht auf den Fotos aber schon tres chic aus. Vorschlag: strick sie einfach, die Zeichnung ist ja dabei und das sollte doch gehen. Wünsche ein spannendes Fußball gucken heute. Lg Martina

    • Die Häkeljacke stricken? Uff… ich bin mir nicht sicher, ob mich das nicht in noch größere Krisen wirft. Allerdings habe ich da ein ganz ähnliches Strickmuster in irgendeinem Drops-Heft…

  5. Na, da gibt’s doch absolut keine Zweifel.

    1. Erst mal mit dem Brioche-Teil weitermachen, das hat sowieso einen derartigen Suchtfaktor, dass man sich nicht dagegen wehren kann.

    2. Den Topflappen vergessen. Möglicherweise gibt es irgendwo im Universum ein schönes Häkelmuster für Jacken, aber das ist keins davon. Obwohl der Schnitt gut ist.

    3. Die Strickjacke auf keinen Fall wieder wegpacken, sondern tagtäglich mit schlechtem Gewissen beäugen, bis die Ärmellösung gefunden ist. Oder einfach einen coolen Kragen dranmachen und das Ganze zur Weste umfunktionieren. Dann kann man aus dem Ex-Topflappen noch einen Pulli für drunter stricken ;).

    • Okay, okay, der Topflappen ist vom Tisch! :-D
      Die Jacke habe ich jetzt erstmal zusammengenäht und gebadet, um mir ein besseres Bild davon verschaffen zu können. Und gebriocht wird sowieso. ;)

  6. oi oi, da habe ich ja was ausgelöst…..liebe Havariemarie, erstmal Chapeau für die Fleißarbeit an der Häkeljacke, ich würde mich nie an dieses Fummelmuster rantrauen.

    Trotzdem: die Jacke paßt nicht zu Dir.

    Wenn ich Deine hübschen Fotos sehe, sehe ich eine grünäugige Elfe. Die gehört, wenn es eine Häkeljacke sein soll, in ein leichtes Elfenkleid mit Spaghettiträgern im Ibicenko-Hippie-Style, und darüber darf ein leichter gehäkelter Bolero aus großen Häkelblumen, locker und luftig aus zartem Garn, maximale Länge bis unterer Rippenbogen, weite Ärmel bis halbe Unterarmlänge. Viel bunte Luft.

    Dieses Modell ist aber auch auf dem Modellfoto ebenso charmant und sexy wie die knappen Wolljacken der Nachkriegszeit, als sich die Frauen körpernah in zu kleine Jacken gehüllt haben, weil es einfach keine Wolle gab. Das Pink rettet da nach meinem Geschmack auch nichts mehr….

    oops….schon wieder zu direkt…..

  7. Zur Häkeljacke sag ich nix ;-)
    Aber zur Strickjacke. Nämlich: Ist Dir schon mal untergekommen, dass man ganz „normale Ärmel“ auch von oben stricken kann? Das geht, indem man rund ums Armloch nach einem bestimmten System Maschen aufnimmt und mittels verkürzter Reihen die obere Rundung formt. Geht super und man kann damit auch bei einem zu großen Armloch etwas tricksen.
    Bei Interesse melde Dich einfach, ich erklär’s Dir dann etwas genauer ;-)
    Liebe Grüße
    Regina

      • ist ganz einfach, umgekehrte verkürzte Reihen, an den geraden Seiten aus dem Body jede 2. Reihe eine Masche rausstricken, und bei den seitlichen Zunahmen am Armausschnitt am Ende jeder Hin- und Rückreihe jeweils 1 Masche aus dem Body zunehmen und die zugenommene Masche bei der Wende nur abheben und nicht mitstricken, damit es keine Löcher gibt. Wenn Du endlich die Runde geschlossen hast kommt zur Belohnung das Rundstricken :-) Hier verstecke ich die regelmäßgen Abnahmen, indem ich 1 oder 3 Maschen,je nach Garnstärke in der Mitte des Ärmels unter dem Arm immer rechts stricke und die Abnahmen rechts und links von diesem Band links zusammenstricke, die links zusammengestrickten Maschen verschwinden optisch in dem Ärmel, und es ergibt sich ein gleichmäßges „Band“ statt einer Naht. Das sieht schön sauber aus. Die Abnahmen muß man probieren, je nach Ärmelweite stricke ich mal jede 6. Runde 2 zusammen oder jede 4. Einfach probieren.

        Bei engen Teilen empfiehlt sich das Stricken eines Zwickels unterm Arm, der gibt Spielraum, damit das Teil beim Armheben nicht hochrutscht. da strickst Du genau andersrum und beginnst unten am Armausschnitt in der Mitte, also da, wo Du bei der obigen Methode die Maschen seitlich zugenommen hast, mit ca. 5 Maschen mittig, immer hin und her und immer 1 Masche zunehmen und wenden wie üblich, bis Du rechts und links die geraden Seitenteile erreicht hast, da strickst Du dann ab Zwickel alle Zunahmen aus den geraden Teilen heraus und schließt damit die Runde, Rest wie üblich. Diese Ärmel sitzt dann körpernah.

        Ich persönlich hasse nichts mehr als zusammennähen. Ich stricke nur auf Rundnadeln in einem Stück, stricke auch die Schulternähte zusammen und muß dann maximal die losen Knäuelenden vernähen :-)

        Die von Dir vorgestellte Eek Steek Methode habe ich jetzt gerade ausprobiert, auch mit Drops 7.
        Da ich so ein Nahthasser bin habe ich das bitter bereut. Die eingesparte Zeit ist voll draufgegangen für das abnähen, Umnähen und befestigen, und dann muß man auch noch die Maschen für die Knopfleiste wieder mühsam aufnehmen, das hat mich einen ganzen Tag gekostet und einen mittleren Frustanfall ausgelöst, schmunzel….. Die Jacke war nur ganz knapp davor, als Ufo zu enden, aber ich habe eine eiserne Regel: ein neues Teil darf erst angefangen werden, wenn das laufende fertig ist. jetzt schiele ich sehnsüchtig nach den vielen Farben von der Drops Puna und beiße mich zähneknirschend durch die Jacke…. und werde nie wieder steeken…..

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