Dumm geboren, nix dazugelernt

Ein Thema, das mich gerade viel beschäftigt, ist das Lernen. Indirekt hat es auch etwas mit dem Stricken zu tun, denn ich höre ständig in Strickrunden und auf Stricktreffen Sätze wie: „Eine englische Anleitung? Das kann ich nicht!“ – Du kannst es lernen? – „Das lerne ich nicht mehr!“

Es ist so eine urbane Legende, dass man nichts mehr lernen kann, sobald man erwachsen ist.
Ja, das Gehirn wie alles am Körper beginnt ab dem Zeitpunkt, ab dem man ausgewachsen ist, schon wieder mit dem Abbau. Das heißt aber nicht, dass man nichts mehr lernen könnte, sonst wäre man gar nicht mehr überlebensfähig. Um so ein schönes Urzeitbeispiel heranzuziehen: Wenn der Höhlenmensch nicht ganz schnell lernt, ob der Säbelzahntiger linksrum oder rechtsrum wohnt, ist ganz schnell Zapfenstreich. Es stimmt, dass Kinder eine Phase durchlaufen, in der sie sehr viel einfacher und schneller lernen als ein Erwachsener. Diese Phase ist aber weitaus früher abgeschlossen, als wir die Kleinen aus der Schule rauslassen. Trotzdem lassen wir heute einem 16-jährigen Schüler einen Satz wie „Dreisatz? Das lern ich nicht mehr!“ nicht durchgehen, einem 36-jährigen Menschen aber schon. Warum ist das so?

Ein Grund dafür liegt für viele von uns darin, dass wir in der Schule systematisch eingebläut kriegen, dass Lernen etwas Anstrengendes ist, das nach einem vorgegebenen Tempo und mit vorgegebenen Methoden stattfinden muss, andernfalls ist man faul und dumm, setzen, sechs. Die Glücklicheren unter uns sind vielleicht noch mit Belohnungen und Schmeicheleien durch diesen Prozess gelockt worden. Was die meisten von uns in der Schule nicht beigebracht bekommen, ist erstens, dass jeder ein eigenes Lerntempo hat, zweitens Lernkurven nicht immer steil aufwärts verlaufen (daher Stocken, Rückschritte u.a. kein Zeichen von Dummheit, sondern normale Phänomene des Lernprozesses sind) und drittens Lernen überhaupt nicht wehtut, wenn man nur auf ein paar Lern- und Gedächtnistechniken zurückgreift. Die meisten Lehrer haben nur nicht die Zeit oder Geduld dazu.

Jeder von euch, der oder die nicht an einer unglückseligen neurologischen Krankheit leidet, ist ohne weiteres in der Lage zu lernen was immer er oder sie will. Englische Strickanleitungen lesen, tunesisch häkeln, Astrophysik, alles. Das sage ich nicht deshalb, weil ich Idealistin bin, sondern weil ich es an mir selbst sehe und sicher kein hochbegabter Supermensch bin. Weil auch ich erst im Erwachsenenalter stricken gelernt habe und immer wieder feststelle, dass ich umso besser werde, je mehr ich mir erlaube Fehler zu machen. Weil ich mit 32 noch eine neue Fremdsprache lerne und umso mehr Freude daran habe, je weniger streng ich mit mir selbst bin. Ich kann zwar auch nach fünf Monaten noch nicht alle Vergangenheitsformen von „être“ und „avoir“ bilden, aber das geht schon klar. Würde ich mich dafür fertig machen, dass ich nicht so weit bin wie mein Lernprogramm es vorschreibt, würde ich das Lernen in spätestens zwei Wochen abbrechen (wie ich es schon zweimal in den vergangenen 10 Jahren getan habe). So bin ich zwar langsam, mache aber jeden einzelnen Tag meine Übungen – und kann am Ende die Sprache.

Was gibt es in eurem Leben, was ihr gern können würdet, und was sind die Geschichten, die ihr euch erzählt, um es nicht lernen zu müssen?
„Da bin ich zu dumm zu“ – Tatsächlich? Ist das deine Erfahrung oder ist das etwas, was dein Lehrer in der fünften Klasse, deine Mutter, dein Schwippschwager mal gesagt hat?
„Das dauert so lange! Weißt du wie alt ich wäre, wenn ich es dann endlich gelernt hätte?“ – Genauso alt wie wenn du es nicht lernst.
„Ich werde doch nie mehr so gut wie die Leute, die das von jung auf gelernt haben!“ – Vielleicht nicht. Aber niemand sagt, dass du nur dann etwas lernen darfst, wenn du behaupten kannst, perfekt darin zu werden. Du darfst auch Dinge nur halb oder schlecht können. Du darfst selbst entscheiden, was du lernst und was nicht. Es gibt keinen Lehrer mehr, der dir eine Sechs gibt wenn du nicht alles fehlerfrei aufsagen kannst. Alle Strenge dir gegenüber kommt einzig und allein von dir, entweder weil du dir selbst gemeine Sachen sagst oder weil du gemeinen Sachen, die andere sagen, Wert beimisst.

Die Wahrheit ist: Lernen ist leicht. Mitgefühl uns selbst gegenüber ist schwer. Wir benehmen uns uns selbst gegenüber wie Horror-Lehrer, die ihre Schüler lautstark als Idioten beschimpfen, wenn sie etwas nicht wissen. Kein Wunder, dass da die Lust auf Lernen verfliegt. Wir haben aber auch die Möglichkeit, ganz einfach damit aufzuhören und uns beser zu behandeln. Wir können aufhören, uns unerreichbar hohe Messlatten zu legen und uns dann dafür zu verachten, dass wir sie nicht erreichen. Wir können uns das Lernen so leicht und unterhaltsam wie möglich machen. Wir können uns zugestehen, doppelt, dreifach, wenn nötig zehnfach so lange wie andere zu brauchen, ohne uns als dumm zu beschimpfen. Wir können uns durch die schwierigeren Phasen des Lernens begleiten statt uns dafür fertig zu machen, dass es nicht immer alles ganz einfach geht. Statt uns für unsere Fehler zu schämen können wir uns darauf freuen, Fehler zu machen. Nur wer sich nie aus seinem sicheren Rahmen herausbewegt macht immer alles perfekt. Fehler sind ein Zeichen, dass man sich weiterbewegt. Fehler sind okay.

Advertisements

16 Gedanken zu “Dumm geboren, nix dazugelernt

  1. Mein Mantra für Herausforderungen ist: Wenn ich mit 80 auf mein bisheriges Leben zurückblicke, will ich nicht sagen müssen, dass es ein Fehler war mit 50plus nicht dieses oder jenes in Angriff genommen zu haben.

  2. Schön gesagt :-) Ich lerne mit 36 nochmal Differentialrechnen. Ja, ich stolpere immer wieder über Grundlagen, die ich nicht mehr weiß (ist ja auch schon was her, seit dem Abi) und muss dann auch mal einen Schritt zurück gehen, aber im Endeffekt komme ich doch stetig immer weiter voran. Man darf wirklich nicht immer so streng mit sich sein.
    Und manchmal lernt man Dinge auch schneller als man erwartet. Englische Strickanleitungen z.B. kann ich viel einfacher lesen als deutsche, obwohl ich erstere vor ein paar Monaten das erste Mal angesehen hab, deutsche aber schon seit vielen Jahren kenne.

  3. Du sprichst mir aus der Seele!!! (Habe tatsächlich schon länger zu dem Thema nen Blogpost vorbereitet ☺️)
    Ich halte es da wie Pippi Langstrumpf :
    Das habe ich noch nie gemacht, das schaffe ich ganz sicher! (Frei übersetzt, die deutsche Variante liegt mir nicht vor) einfach mal die Neugier behalten, offen auf Dinge zugehen und sich selbst die Möglichkeit geben einen Fehler zu machen. Wäre sogar im Umgang mit einigen großen Themen der Gegenwart ein erfrischender und hilfreicher approach!

  4. Meine Ausbilder haben zu mir immer gesagt: „Ichkannicht wohnt in der Ichwillnicht-Straße.“
    Der Satz hilft mir bis heute stetig weiter. Will ich oder will ich nicht?

  5. Hach, herrlich geschrieben :-) Und recht hast Du! Man ist nie zu alt, sich mit Neuem zu befassen.

    Ich wollte schon immer ein Instrument lernen und habe vergangenes Jahr (mit immerhin 37 Jahren) endlich damit angefangen, Flötenstunden zu nehmen. In 1,5 Jahren bin ich erstaunlich weit gekommen, spiele jetzt sogar passabel Altflöte und befasse mich mit der dazugehörigen Musiktheorie. Das fällt mir nicht leicht, ich fluche dabei regelmäßig, aber ich weiß, dass ich das heute besser verstehe, als jemals in der Schule. Hätte das vor 2 Jahren noch für unmöglich gehalten. Meine damalige Musiklehrerin würde aus den Latschen kippen, wenn sie das wüsste.

    Und mein Französisch versuche ich auch wach zu halten in einem Konversationskurs in der VHS. Wir waren gerade zusammen in Nizza. Was für ein tolles Erlebnis! Ich kann heute sicher nicht mehr so viele Vokabeln wie am Gymnasium und meine Grammatik war auch schon mal besser. Aber dafür weiß ich, dass man mit je suis été und j’avait oder j’ai eu verdammt weit kommt im wahren Leben und auch ohne Subjonctif durch kommt, im Notfall ;-)

    Auf das lebenslange Lernen – mit Freude, Mut und einer gehörigen Portion Humor :-D

      • Immer gerne :-D Da geht’s den Franzosen glücklicherweise wie den Deutschen – die Mehrzahl der grammatikalischen Konstrukte braucht man in der gesprochenen Sprache nicht so dringend. Die Franzosen wissen es mit ihrer verschliffenen Aussprache nur eleganter zu verstecken ;-) Du müsstest meine Drittklässlerin mal sehen, wie die mich anschaut, wenn ich ihr sage, dass das Präteritum zu lesen las ist. „Das klingt so komisch, Mama, wir sagen doch immer ‚er hat gelesen‘.“ *schluck* ;-)

  6. Liebe Marie,
    mal wieder ein schöner Blogbeitrag! Du sprichst mir wie allen anderen aus der Seele. Dankeschön, dass du es für uns zusammengefasst hast!

  7. Ja hey, du sprichst mir aus der Seele! Ich denk da immer an die Ursula, wenn ich mich mit so Kommentaren wie „Kannste nicht, lernste nimmer“ selber klein mache.
    Ursula war mit mir auf dem Abendgymnasium und schon weit über sechzig, als sie Abi gemacht hat. Sie hat immer zu mir gesagt:“Mein ganzes Leben war ich für andere da. Mein Mann, meine Kinder, usw….Jetzt bin ich mal an der Reihe!“ Und was soll ich sagen, die hat doch anschliessend tatsächlich auch noch studiert!
    Also wenn das nicht motivierend ist!
    Im Übrigen lebe ich in Frankreich und kann dir sagen: die meisten Franzosen können ihre Sprache auch nicht so 100% perfekt.

  8. Hey, bin heute auf deinen Blog gestoßen und kann mich kaum losreißen! Kompliment! Auch wenn dein Post schon etwas älter ist (*siehste, ich hab mich schon ein halbes Jahr zurückgearbeitet!!) mag ich etwas hinterlassen. Ich bin 51 und hab mir in den letzten zehn Jahren noch so vieles beigebracht! Deshalb vollste Zustimmung =)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s