Wie kann ich mehr stricken?

„Schon wieder ein Pulli fertig? Wie schnell strickst du denn bitteschön?!“

„Machst du auch noch was anderes als stricken?“

„Wo nimmst du die Zeit dafür nur her???“

Solche Fragen kriege ich ganz schön oft zu hören. Denn obwohl ich für mein Empfinden nicht besonders schnell stricke, mich auch noch mit vielen anderen Dingen beschäftige und wie jeder Mensch auf dieser Welt nur 24 Stunden pro Tag zur Verfügung habe, von denen eine ganze Menge für Arbeit, Schlaf, Essen und dergleichen draufgeht, scheine ich relativ produktiv zu sein. (Was mich mehr als alle anderen erstaunt, weil mir der Fortschritt bei meinen Strickprojekten immer zu langsam vorwärts geht.) Grund dafür sind vermutlich einige Strategien, die ich mir im Laufe der Zeit angeeignet habe. Und das sind folgende:

1. WIP-Limit setzen
Ihr kennt das genauso gut wie ich: Man hat schon drei Projekte am Laufen, da kommt das perfekte Garn für ein viertes Projekt des Weges, auf Ravelry entdeckt man eine tolle neue Anleitung, der Schwager wünscht sich eine Mütze, die Katze braucht schon wieder neue Socken und so weiter und so weiter. Und plötzlich hat man mehr Works in Progress oder WIPs als man zählen kann und alle dümpeln so vor sich hin. Denn natürlich kann man nicht alles gleichzeitig stricken. Und wenn man jeden Tag an zwölfndrölfzig (oder auch nur fünf) Sachen arbeitet, wächst keins davon besonders schnell und man ist auf Dauer echt demotiviert. Ich habe deshalb ein strenges Limit von 3 WIPs gleichzeitig. Ein neues Projekt wird erst dann angefangen, wenn eins der drei abgeschlossen oder für tot erklärt und geribbelt wurde. Basta!

2. Multitasking
Für mich gibt es zwei Arten von Projekten: Die, bei denen ich nachdenken, ständig ins Muster gucken oder mehrere Farben gleichzeitig managen muss, und die, die praktisch so von selbst laufen. Eins meiner drei aktuellen Projekte ist deshalb immer so ein Selbstläufer, an dem ich nur arbeite, während ich eigentlich etwas anderes mache wie Fernsehen oder Telefonieren. Nach einiger Übung habe ich auch gelernt, rechte Maschen komplett blind zu stricken, so dass ich dabei lesen kann. Am besten funktioniert das für mich mit eBooks, weil man da leichter umblättern kann und mir kein Windzug die Seite verschlagen kann. So kriege ich auch endlich all diese Bücher durch, die ich schon immer mal gelesen haben wollte, aber bisher immer nur vor mir hergeschoben habe.

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3. Tandemprojekte
Jeder hat immer mal wieder diese Projekte, die man total begeistert beginnt, dann aber immer länger daran hängt und schließlich einfach nur noch fertig werden will, es aber nie wird, weil die anderen WIPs immer viel verlockender sind. Ätz, ätz, ätz! In solchen Situationen ziehe ich immer gern einen Schlussstrich, weil so ein Zombie im Strickkorb extrem demotivieren wirken kann und im Extremfall dazu führt, dass ich gar nicht stricke. Ribbeln macht frei! Wenn aber aus irgendeinem Grund Ribbeln nicht in Frage kommt (Auftragsarbeit, Geschenk, manischer Ehrgeiz), verbinde ich das Ätzprojekt mit einem Tandemprojekt, auf das ich extrem viel Lust habe, und stecke mir konkrete Ziele. Muss zum Beispiel eine nervige Strickjacke fertig werden, während ich viel lieber ein buntes Stephen-West-Tuch machen würde, setze ich mir das Ziel, immer erst ein Knäul Wolle in der Jacke zu verstricken, bevor ich den nächsten Mustersatz im Tuch arbeite. Vorteil: Je mehr Lust ich auf das Tuch habe, desto schneller wird auch die Jacke fertig.

4. Olé olé, Deutsche Bahn AG!
Wer viel mit der Bahn fährt, hat automatisch auch viel Zeit zum Stricken. Zwar kann man nur relativ unaufwändige Projekte unterwegs stricken (obwohl: was weiß ich schon? Vielleicht ist nicht jeder wie ich zu unorganisiert, um drei Garnknäul, Zopfnadeln, Maschenzähler und Anleitung auf dem Schoß zu balancieren?), dafür kann man immer wieder lustige Gespräche mit anderen Fahrgästen führen. Ob ich eine Socke, einen Pullover oder einen Schal in der Bahn stricke, ich werde immer gefragt, ob das eine Mütze wird. Viele fühlen sich bemüßigt mir zu erzählen, was ihre Großmutter ihnen schon alles gestrickt hat (Herzlichen Glückwunsch!) und einmal haben mir zwei junge Herren sogar bescheinigt, dass der Pullover, den ich da stricke, „voll West Side Style“ sei (ein Kompliment?) und ich ihnen ein Foto vom fertigen Teil per WhatsApp schicken müsse. Ihr habt mir aber nicht eure Nummern gegeben, ihr Genies!

Auch als Beifahrer im Auto stricke ich sehr viel. Tatsächlich fragt mein Mann mich schon immer, wenn wir eine längere Fahrt antreten, ob ich auch mein Strickzeug eingepackt habe. Ich habe den Verdacht, dass er glaubt, wenn ich die Schilder mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit nicht sehe, würde ich mich nicht fragen, ob man tatsächlich überall 240 km/h fahren darf. Aber hey, stricken!

5. Relax!
Okay, stricken ist was Feines und viel stricken kann auch toll sein. Aber mal im Ernst: Das ist kein Wettbewerb und niemandes Leben hängt davon ab, ob der Pullover heute, morgen oder nächste Woche fertig wird. Und wenn er erst in drei Jahren fertig ist – sei’s drum! Es gibt auch noch andere schönere und vielleicht sogar wichtigere Dinge im Leben. ;)

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6 Gedanken zu “Wie kann ich mehr stricken?

  1. Ja!
    Viel mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen. Ich finds komisch, dass man sich mittlerweile manchmal für sein Hobby rechtfertigen muss. „Also ICH hätte die Zeit nicht.“ Impliziert ja, dass ich anderes liegen lasse und mich schämen sollte. Dabei sollte es jedem pfurzegal sein wer wie schnell strickt. Finde aber deine Aufzählung interessant, bei mir ist es in vielen Dingen ähnlich. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich früher fernsehen konnte ohne was dabei zu machen – wie öde! Nur beim lesen bleibe ich auch wirklich beim Lesen, das ist mir zu kompliziert und nicht mehr entspannend :D

  2. Hach, herrlich, wie oft bekomme ich die gleichen Fragen gestellt! Und ich habe dazu noch 2 Kinder mit diversen Nachmittagsverpflichtungen, fahre NICHT mit den öffentlichen zur Arbeit und habe noch ein Haus mit (zugegebenermaßen kleinen) Garten zu betüddeln.

    Für mich der Tipp Nummer eins: jede Wartezeit ist Zeit zum Stricken. Ich habe mir schon vor Jahren angewöhnt, immer ein relativ einfaches Strick- oder Häkelprojekt einstecken zu haben. Die anderen sitzen ne halbe Stunde in der Musikschule rum und warten aufs Kind. Ich stricke eine halbe Stunde. Als ich mit der Großen (jetzt fast 9) stundenlang auf dem Spielplatz rumsaß wurde so manches Strickstück fertig. Die anderen Mütter haben immer gestöhnt, dass sie für so was keine Zeit hätten. Mhm, ja, klar. Auch Wartezeiten beim Arzt oder Frisör schrecken mich nicht wirklich. Und Fahrten mit der S-Bahn genieße ich mittlerweile sehr, weil ich eben stricken kann :-)

    Und das tolle ist, nach über 20 Jahren kann ich eigentlich auch verhältnismäßig komplexe Sachen unterwegs stricken. Man wird da einfach geübter drin, lernt das Gestrick zu lesen und kleine Fehler einfach der Folgereihe zu beheben.

    Viele Grüße und frohes Stricken
    Susan

  3. HIhi, du strickst auch als Beifahrer, das find ich toll.

    Und beim Fernsehen kann ich gar nicht ohne was in den Händen sitzen – entweder Laptop oder Strickzeug.

  4. Hallo,
    ich bin durch Lanade auf deinen Blog aufmerksam geworden und finde deine Post sehr interessant und unterhaltsam. Zu Punkt 2 hätte ich noch einen Tipp. Ich höre inzwischen sehr gerne Hörbücher und das geht auch wunderbar neben dem Handarbeiten. Beim Fernsehen kann ich mich viel besser auf den Film konzentrieren, wenn ich nebenbei stricke und auch als Beifahrer ist Stricken ein herrlicher Zeitvertreib.
    Viele Grüße
    Anette

  5. Also ich stricke ja am liebsten, wenn wir für ein Wochenende bei den Schwiegereltern zu Besuch sind :D Da wird den ganzen Tag getratscht und Kaffee getrunken und gegessen. Ich komme sowieso nie zu Wort und sitze dann also schweigend da und stricke und stricke und stricke. Herrlich :D
    Leider hat mir mein Freund verboten während der Autofahrt zu stricken :( Falls was passiert, könnte die Nadel ja in meinem Gehirn landen. Gut, er hat nicht ganz unrecht, aber menno!! Wisst ihr, wie langweilig es ist, 4 Stunden einfach nur im Auto zu sitzen? Mittlerweile fahr ich dann eben selbst, wenn ich sowieso nicht stricken darf.

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