Strickmuster auf abweichende Maschenproben anpassen

 Ich wollte den Beitrag eigentlich zuerst mit „Achtung, Mathe!“ überschreiben, aber dann hätte ihn vermutlich niemand mehr lesen wollen. Ein bisschen Mathe gibt es aber heute trotzdem, da kommt ihr nicht drumherum. Tut aber nicht weh, versprochen. 

Es geht heute um ein Problem, vor dem vermutlich jede Strickerin (und Häklerin) schon mal stand: Man hat ein wunderbares Muster, man hat ein wunderbares Garn, aber das Garn hat nicht die Maschenprobe, die das Muster vorsieht. So ist es mir passiert, als ich den Raindrops Pullover von Tin Can Knits anschlagen wollte. Das linke Garn wollte die Anleitung haben, das rechte Garn aber wollte ich:

    

Die Anleitung war für eine Maschenprobe von 24 Maschen auf 10 cm ausgelegt. Meine Drops Karisma hat aber schon bei 21 Maschen die 10 cm voll. Und ich will dieses Garn, ich will, ich will, ich will!

Da mit dem Fuß aufstampfen und schmollen hier nichts bringt, muss notgedrungen der Taschenrechner her. Der Pullover ist nämlich relativ simpel konstruiert und kann deshalb (zumindest in der Theorie) auf meine Maschenprobe runtergerechnet werden. Ich kenne dafür zwei Methoden, die ich euch jetzt vorstelle. 


1.: Wie man es richtig macht

Der ordentliche Weg geht über den guten alten Dreisatz. Ihr erinnert euch? Nein, ich auch nicht, ich habe das ganze im Internet nachgelesen. Hier der Schnelllehrgang:

24 Maschen entsprechen 100 % (weil die Anleitung das so sagt)

21 Maschen sind davon XY %

–> (21 x 100) / 24 = XY, nämlich 87,5

Das ist jetzt vermutlich die pädagogisch katastrophalste Erklärung des Dreisatzes, die es je gegeben hat, aber das Prinzip ist richtig. Eure Faustregel ist immer: 

(Eure Maschenprobe x 100) / vorgeschriebene Maschenprobe = Prozentsatz der tatsächlich benötigten Maschen

In meinem Fall sagt mir die Rechnung, dass ich nur 87,5 % der Maschen brauche, die die Anleitung für meine Kleidergröße vorgibt. Das kann ich dann bei jedem einzelnen Schritt der Anleitung nachrechnen (der Taschenrechner ist mein bester Freund) und am Ende passt das Teil genau so, wie es sollte. 

Großer Nachteil an der Sache ist natürlich, dass jegliche Muster dabei auf der Strecke bleiben. Der Raindrops Pullover hat ein Lochmuster, das sich vermutlich noch ganz gut improvisieren lässt, aber ein ausgefeiltes Ajourmuster oder etwa ein Jacquardmuster kann man selten einfach mal um eine Handvoll Maschen verkürzen, ohne dass es in die Hose geht. Deshalb habe ich noch folgende zweite Methode. 
2.: Wie ich es mache

Ich sag es gleich vorweg, meine Methode besteht zu 90 % aus Schätzen und Fuschen, hat aber den unschätzbaren Vorteil, dass man sehr wenig dafür rechnen muss. Und man braucht keinen Dreisatz!

Ich mache folgendes: Ich suche mir etwa drei exemplarische Maschenangaben für meine Kleidergröße in der Anleitung. Gut eignen sich dafür die anzuschlagenden Maschen oder die Maschenanzahl, die am Ende abgekettet wird. Bei meinem Pullover zum Beispiel sollen für den Kragen in meiner Größe 165 Maschen angeschlagen werden. 

Schritt 2: Ich rechne aus, wie lang diese Maschenkette mit der vorgeschriebenen Maschenprobe werden würde: 165/24=6,9. Aha, 69 cm wollen die also erzeugen (24 Maschen ergeben 10 cm, deshalb weden aus den 6,9 dann 69). 

Schritt 3: Mit welcher anderen Größe der Anleitung komme ich mit meiner Maschenprobe so nah wie möglich an diesen Wert ran? Ich probiere mich einfach mit dem Taschenrechner durch. 159 Maschen mit Maschenprobe 21M/10cm geben mir 76 cm, das ist zu lang. Bei 156 Maschen habe ich noch 74 cm, bei 150 Maschen komme ich auf 71 cm und damit kann ich leben. 

 

Das Ganze überprüfe ich noch mal stichprobenartig an zwei anderen Stellen der Anleitung, dann steht fest: Ich kann ganz einfach stupide nach Anleitung in Größe XS stricken und erhalte etwas, das mehr oder weniger genau Größe L entspricht. Das Lochmuster wird erhalten und ich muss nicht mehr jeden Schritt umrechnen. Immer wieder anprobieren und gegebenenfalls anpassen ist wichtig, aber meistens kein Problem. 

Kleiner Nachteil ist natürlich, dass diese Methode nur in gewissen Grenzen funktioniert. Sicher hätte ich gerne noch eine kleinere Größe gestrickt, um wirklich die richtigen Maße zu treffen, aber kleiner wirds halt nicht in der Anleitung (bei den Kindergößen des Raindrops ändert sich das Lochmuster, das gefällt mir nicht). Ich könnte mit der Methode wohl auch kein Lace-Jäckchen mit dickem Filzgarn stricken – aber dafür gibt es dann ja immer noch den Dreisatz. 

Habt ihr noch andere Methoden, um eine Anleitung auf die eigene Maschenprobe umzurechnen?

Advertisements

Frohe Weihnachten!

Völlig überrascht musste ich heute morgen feststellen, dass schon wieder dieses Weihnachten ist. Gabs das nicht letztens erst? Aber kein Problem, Geschenke sind gesichert: 

 Malabrigo Worsted in Water Green und Sweet Grape – mein Weihnachtsgeschenk an mich selbst. Ich hoffe, ihr findet auch viele schöne Wollknäule unter dem Tannenbaum und habt ein entspanntes Fest!

Tadaa!

Meine Lieben, die lila Forest Nymph ist fertig! Schaut her: 

 Das Muster hat mir wirklich Spaß gemacht. Man strickt die Blende in verkürzten Reihen in einem Rapport über 14 Reihen und muss gleichzeitig noch das Zopfmuster fortführen, das nur einen Rapport von 6 Reihe hat – es ist also nie langweilig, aber auch nicht so schwierig, dass man dabei nicht noch einen Film ansehen könnte.  

 Danach wird nur noch in Reihen runtergestrickt, was gefühlt 15 Minuten dauert. Okay, etwas länger dauert es doch. Aber ihr wisst, was ich meine. 

Wie ich vermutet habe, kann man auf die dummen Häkelrüschen, die die Anleitung vorschreibt, wunderbar verzichten. In dem gedeckten Lila ist die Forest Nymph auf diese Weise sehr schlicht und schön. Ich habe auch extra Tragebilder für euch in meiner Bibliothek gemacht: 

 Und ja, die Drops Alaska ist etwas rustikaler und kratziger. Aber bisher komme ich gut mit ihr aus. Etwa 10 Knäul habe ich für diese Tunika gebraucht, verstrickt mit Nadelstärke 4,5. 

Mein nächstes Projekt stricke ich wieder für den Blog von Lanade, deshalb darf ich nichts genaueres verraten. Aber ich möchte euch die  Nadeln zeigen, die ich dafür brauche: 

 Nadelstärke 15! Das sind Mordwerkzeuge! Habt ihr mit sowas schon mal gearbeitet? Ich für meinen Teil habe die Hosen gestrichen voll, aber was getan werden muss, muss getan werden. Tschakka!

Release the Kraken!

Gut, dass ihr hier seid! Ich muss euch mal was ganz Tolles zeigen:

Dieser Cowl ist ganz zweifellos das Großartigste, was ich in meinem bisherigen Strickerinnenleben gestrickt habe. Ich meine, guten Tag? Ein Tintenfisch! Beweisführung abgeschlossen!

Aber als sei das nicht schon für sich fantastisch genug, ist es auch noch ein Doubleface-Tintenfisch. Doubleface ist eine Stricktechnik, die ein zweifarbiges Strickstück erzeugt, das auf beiden Seiten glatt rechts erscheint und das gleiche Motiv in jeweils umgekehrten Farben zeigt. Wie das geht seht ihr wieder bei Lanade, wo ich meinen Cowl ausführlich vorstelle.

Die dritte tolle Sache an diesem Teil ist das Garn, nämlich die Malabrigo Merino Worsted (hier: Water Green und Marine). Das Garn ist sowas von flauschig, dass ich durchdrehen könnte! Schaut mal, so flauschig ist das:

Flauuuusch! Sogar ich vertrage es auf nackter Haut und ich habe selbst meine eigenen Haare als pieksig empfunden, als sie noch lang waren.

Der Doubleface-Cowl begleitet mich im Moment überall hin und dient mir als Halswärmer oder auch gern als Raupenkokon, etwa während ich darauf warte, dass mein Fotograf bereit zum Fotos machen ist, während er in Wirklichkeit schon angefangen hat.

Ist mir egal wie das aussieht. Ich liebe dieses Ding!

Im Namen der Wissenschaft!

Im Namen der Wissenschaft! Das war erst mein Kampfschrei, dann mein Mantra und zum Schluss mein Trostpflaster bei meinem jüngsten Großprojekt. Ich habe nämlich eine Technik ausprobiert, an die ich mich lange nicht rangetraut habe: Steeking!

Was das ist? Steeking macht aus einem Pullover wie diesem …

… eine Strickjacke wie diese:
  
Und zwar genau so, wie ihr euch das jetzt vorstellt. MIT DER SCHERE!

Die Vorstellung, ein fertiges Strickstück aufzuschneiden, finde ich ganz furchtbar. Aber die Vorstellung, einen Cardigan in Runden stricken zu können, finde ich ganz großartig, deshalb habe ich mit mir selbst einen Kompromiss geschlossen: Ich mache ein Testprojekt in einem einfachen Muster (geht schnell) und mit einem billigen Garn, um das es mir dann nicht schade ist, wenn ich es versehentlich zerstöre.

Gesagt, getan. Das Garn meiner Wahl war Drops Big Fabel, ein robustes, dickes Sockengarn, das offenbar bald aus dem Programm genommen wird und deshalb günstig zu haben war. Von den noch verfügbaren Farben gefiel mir das Rot am besten – nur meine Kamera reagiert da leicht allergisch drauf, entschuldigt bitte die schwummrige Bildqualität.

Mein Muster war ebenfalls von Drops, ein in der Runde gestrickter Pullover mit Rundpasse und Strukturmuster. Das Stricken selbst war unsäglich langweilig und unerfreulich, weil das Muster völlig ohne Herausforderungen runtergestrickt wird und das Garn von der kratzigeren Sorte ist. Kurz vorher hatte ich noch einen Cardigan aus der weichen Drops Big Merino für eine Freundin gestrickt und habe mich trotz der vielen Rückreihen dahin zurückgewünscht. Aber was soll man machen, es musste vorwärts gehen im Namen der Wissenschaft.

Als der Pullover fertig war (natürlich direkt mit Taschen, wie ich sie vor Kurzem ausgetüftelt habe), ging es ans Eingemachte. Zuerst habe ich einen Faden der Länge nach in der Mitte eingezogen:

Dann habe ich links und rechts des Markierungsfadens mit der Nähmaschine die Maschen fixiert. Das geht erstaunlich gut, solange man nicht mit dem Füßchen in eine Masche gerät.
  
So sieht das dann aus:

Und dann geht’s los. Zwischen den beiden Nähten wird hinter dem Markierungsfaden her die Front aufgeschnitten. Im Namen der Wissenschaft!
  
Uff, geschafft. Die Schnittkante sieht unheimlich aus, hält sich aber wacker.

Jetzt mussten nur noch Maschen aufgenommen und eine Knopfleiste angestrickt werden. Indem man die Maschen zwei oder drei Reihen entfernt von der Maschinennaht aufnimmt, wird die Naht nicht belastet und kann dadurch auch nicht aufreißen. Sagt die Wissenschaft. Die Schnittkante verschwindet dann auch unsichtbar auf der Innenseite.

Das ist also mein erster Steek-Cardigan! Zur Steeking-Technik selbst kann ich sagen, dass ich absolut überzeugt bin. Ich würde das nicht mit jedem Garn durchziehen (Alpaka oder Merino könnten zu schlüpfrig für die Nähmaschine sein), aber für rustikalere Garne ist das eine ganz feine Sache und ich habe schon ganz viele Projekte im Kopf. Außer dem eigentlichen Steeking habe ich auch noch eine ganze Menge anderer wissenschaftlicher Erkenntnisse gesammelt:

(1) Die Designer der Drops-Strickmuster müssen alle Bodybuilderinnen mit einem Kreuz wie Arnold Schwarzenegger sein. Das ist schon das zweite Modell, bei dem mir die Achseln volle 20 cm unter meiner eigenen Achsel hängen – und ich bin wahrhaftig kein Strichmännchen. Wer braucht so riesige Armlöcher? Was ist los mit euch, Drops-Designer? Erklärt mir das!

(2) Holzknöpfe kann man ganz wunderbar mit Nagellack einfärben. Siehe Bild oben.

(3) Bevor ich die Knopfleiste angestrickt habe, habe ich versucht, dem Cardigan einen Reißverschluss zu verpassen, um zwei Experimente mit einer Klappe bzw. einem Projekt durchzuführen. Dieser Exkurs hat zu folgenden Forschungsergebnissen geführt:
(3a) Bei Reißverschlüssen wird nicht ohne Grund zwischen „teilbar“ und „nicht teilbar“ unterschieden. Empirische Studien zeigten, dass ein nicht teilbarer Reißverschluss bei einem Cardigan nicht sinnvoll ist. (Arrrgggh!)
(3b) Ein teilbarer Reißverschluss ist zwar für einen Cardigan geeignet, jedoch neigen Nähmaschinen dazu, den flexiblen Strickstoff beim Annähen so sehr zu verziehen, dass das Ergebnis unsäglich scheiße aussieht.
(3c) Es dauert etwa eine Stunde, einen mit kurzem Stichabstand angenähten Reißverschluss aus einer Strickjacke zu lösen, ohne das Gestrick zu beschädigen. Das gilt für teilbare wie nicht teilbare Reißverschlüsse.
(3d) Zwei Reißverschlüsse brauchen für die im freien Fall zurückgelegte Strecke zwischen einem Fenster im 3. Stock und dem Erdboden etwa die gleiche Zeit, die in früheren empirischen Studien für abgebrochene Stricknadeln und zerknüllte Bußgeldbescheide des Straßenverkehrsamts gemessen wurde.


Ein Triumph für die Wissenschaft! Ich freue mich schon auf mein erstes „echtes“ Steeking-Projekt mit guter Wolle und einem schönen Muster. Habt ihr die Technik schon mal ausprobiert?