Glücklich sein für Anfänger


So, ihr dachtet also, ihr kommt hier mal vorbeispaziert und seht euch ein bisschen Stricken an, wie? Pustekuchen! Ich habe schon auf euch gewartet.

Heut geht es um das Thema Glück. Da gibt es zwar meiner Meinung nach einen direkten Zusammenhang zum Thema Stricken, aber gerüchteweise gehören auch noch ein paar andere Dinge dazu. Ganz grundlegend zum Beispiel, dass man sich die Sache mit dem Glücklichsein nicht selbst verbaut. Viele von uns sind da sehr gut drin.

Natürlich gibt es Kompromisse, die wir alle mehr oder weniger notgedrungen eingehen. Nicht auf die Schauspielschule gehen, sondern BWL studieren, damit man seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Nicht um die Welt reisen, weil der Partner nicht mitkommen kann oder will. Nicht mit den Freunden aufs Festival gehen, weil man ein kleines Kind hat. Das sind Entscheidungen, die vermutlich jeder von uns in irgendeiner Form treffen muss, und die uns oft wehmütig davon träumen lassen, wie viel glücklicher wir unter anderen Umständen sein könnten.

Ob man als armer Schauspieler, Single-Reisender oder kinderlose Festivaleule tatsächlich glücklicher wäre oder sich letzten Endes nur aus der Gegenwart wegträumt ist ein Thema für sich. Viel wichtiger finde ich eigentlich die vielen kleinen Gelegenheiten, mit denen man sich tagtäglich das Glücklichsein vergrault. Es sind diese ganz kleinen Beiläufigkeiten, die uns schon so selbstverständlich sind, die aber tatsächlich tief in unserem Inneren die Überzeugung verfestigen, dass wir nicht glücklich sind und es auch nicht verdienen glücklich zu sein.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass unser Sprechen unser Denken beeinflusst. Nicht ganz so wissenschaftlich erwiesen, aber von vielen durch eigene Erfahrungen bestätigt ist die Beobachtung, dass Gleiches Gleiches anzieht. Beides lässt mich zunehmend zu der Überzeugung kommen, dass auch ein halbernst dahergegrummeltes „Nichts kann ich richtig machen!“ alles andere als folgenlos für unser Wohlbefinden ist. Mal ganz abgesehen davon, dass es schlechte Laune macht.

Auf wie viele Weisen machen wir uns selbst unglücklich oder verhindern, dass wir glücklicher werden? Ich möchte euch ans Herz legen, es selbst heraus zu finden. Versucht einmal drei Tage lang konsequent folgende Dinge zu tun:

  • Nicht sich selbst beschimpfen. Auch nicht im Scherz und auch nicht in Gedanken. Was ist eine Beschimpfung? Alles, was ihr auch einer guten Freundin, eurer Mutter oder einem Fremden nicht sagen würdet. „Ich bin so dumm“ ist eine Beschimpfung. „Ich bin so dick“ natürlich auch. „Ich Tollpatsch“, „Ich dumme Kuh“, „Ich Eumel“ auch.
  • Nicht jammern. Ich weiß, dass Small Talk dadurch sehr plötzlich sehr viel schwieriger wird, wenn man nicht mehr über das Wetter, die verspätete Bahn oder den Chef meckern kann. Versucht es trotzdem mal. Vor allem in Gedanken! Die „Arme Ich!“ Schiene zieht uns furchtbar runter. Findet stattdessen Wege, das Problem zu lösen oder adressiert eure Unzufriedenheit in Konstruktiver Weise an den richtigen Empfänger!
  • Nicht kleinmachen. „Der Esel nennt sich immer zuerst!“, „Eigenlob stinkt!“ Habt ihr als Kind auch immer die ätzenden Sprichwörter zu hören bekommen? Alles Bullshit, sage ich! Steht zu euren Leistungen, zu eueren Stärken und eurer Wichtigkeit! Zwischen Angeberei und einem gesunden Selbstwertgefühl besteht ein himmelweiter Unterschied. Versucht es mal damit: Auf ein Kompliment mit nichts anderem als „Dankeschön“ antworten, nie mehr mit „Ach was!“, „Ist doch nicht der Rede wert“ oder „Kann doch jeder.“
  • Nicht verstecken. Ich bin mir sicher, wir alle haben mindestens ein Teil im Kleider-, Schuh- oder Schminkschrank, das wir lieben aber niemals tragen. Wir warten auf den richtigen Anlass, die richtige Laune, das richtige Gewicht. Schluss damit! Ob es das alte Metallica-Shirt, giftgrüne Stiefel oder der knallrote Lippenstift ist – wenn es euren Tag schöner, magischer oder aufregender macht, ist das Anlass genug! Wollt ihr euren Kleidungsstil tatsächlich davon bestimmen lassen, was andere eventuell, unter Umständen, heimlich, vermutlich, voraussichtlich denken? Was soll das bringen?
  • Loben! Sagt es frei heraus, wenn ihr etwas gut gemacht habt. Vor allem zu euch selbst, aber auch zu anderen. Wie gesagt, nicht jedes Selbstlob ist gleich Angeberei. Probiert es mal aus! „Das Abendessen ist mir gut gelungen“ ist eine verdiente Feststellung. Genauso wie: „Meine Haare sitzen perfekt!“ Dem Partner macht man auch immer wieder Komplimente, auch wenn man nicht mehr rasend verliebt ist. geht mit euch selbst nicht schlechter um.
  • Mut machen! Wir haben immer die Wahl: Eine schwierige Situation bejammern oder sich ihr stellen. Das geht auch dann, wenn absolut kein Land in Sicht ist. „Ich tue mein Bestes!“ ist eine Aussage, die wahr ist und aufbauen kann. „Ich stehe mir bei, egal was passiert“ kann unglaublich tröstlich sein. „Ich vertraue darauf, dass alles gut ausgehen wird“ kann Kraft spenden wenn die Hölle los ist. Fühlt sich albern an? Dann denkt mal darüber nach, wie viel es bringt, sich die ganze Zeit Sorgen zu machen!
  • Lieb sein! Einem Freund oder einer Freundin machen wir ein Kompliment, weil wir sie oder ihn gern haben und wollen, dass sie oder er sich gut fühlt. Wir sind großzügig und wohlwollend. Warum gehen wir nicht mit uns selbst genauso um? Darf man zu sich selbst etwa nicht genauso lieb sein wie zu anderen? Ist ein Kompliment eine Auszeichung, die man sich verdienen muss? Nein, nein und nochmals nein! Gib dir selbst die Komplimente, die du hören willst. Sage zum Beispiel jedes Mal, wenn du in den nächsten drei Tagen in den Spiegel siehst: „Du bist schön.“ Oder wenn dir das schwer fällt: „Du hast schöne Augen.“ „Du hast schönes Haar.“ „Ich mag dein Lächeln.“ Wenn du dich unwohl damit fühlst, mit dir selbst zu reden, schreib es einfach auf einen Zettel und klebe ihn an einen Ort, wo du ihn oft siehst: An den Spiegel, den Kühlschrank, in deine Geldbörse. 
  • Gutes sehen! Nenne jeden Abend wenn du im Bett liegst drei Dinge, die richtig gut waren an diesem Tag. Sei nicht streng mit dir – die Wäsche gebügelt zu haben ist auch ein Erfolg! Was war noch gut? Was nimmst du für selbstverständlich? Welche negativen Dinge sind ferngeblieben? Was hat dich zum Lächeln gebracht? 

Probiert diese Punkte einfach mal drei Tage lang aus, und sei es nur um zu sehen, wie leicht sie euch fallen. Danach könnt ihr wieder damit weitermachen zu jammern, euch zu beschimpfen und euch selbst zu beschränken – wenn ihr dann noch wollt!

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12 Gedanken zu “Glücklich sein für Anfänger

  1. Cool :) Danke, das hat jetztgrade meinen Abend heller gemacht.

    Meine 3 von heute…
    Heute war das Wetter schön am Nachmittag, frische windige Luft mit Sonne.
    Ich konnte darüber grinsen, dass mein Kollege und ich beide geistesabwesend waren und trotzdem die Lösung gefunden haben.
    Meine Kollegin freut sich immer noch das ich durch Zufall eine Abkürzung in unserem Versandsystem gefunden habe.

  2. Stimmt, stimmt. Diese kleinen Übungen sollte man sich bei Bedarf immer mal an den Spiegel hängen. Oft ist man mit sich viel strenger als mit anderen und vermiest sich dadurch so viel. (Wobei man natürlich auch nicht mit anderen strenger sein sollte als mit sich selbst. Ihr versteht schon.)
    Sag mal, Du hast nicht zufällig neulich David Foster Wallaces Rede am Kenyon College („Das hier ist Wasser“) gelesen, oder? ;-)

  3. „Gutes sehen“ ist auf jeden Fall ein wichtiger Punkt, wie oft lese ich auf Twitter und Co. von Leuten, die von ihrer drölfzigpunktigen To-Do-Liste des Tages leider nur ölfzig Punkt geschafft haben und jetzt in Selbsthass versinken, weil sie „es einfach nicht auf die Reihe kriegen“. Unsinn!

    Ein schöner Artikel, danke!

    • Selbssabotage durch Selbstüberforderung hätte auch ein eigener Punkt sein können, das stimmt. Genau wie umgekehrtes Fishing for Compliments. Aber wenn ich das alles geschrieben hätte, wäre die Liste auch ölfzig Punkte lang geworden. :-P

  4. Anscheinend kennst du mich… ;-)
    Deine Liste ist sehr inspirierend und motivierend, und ich werde sie sobald wie möglich ausprobieren. Danke für den Beitrag!

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