Stricken macht glücklich(er)

Ist heute abend zufällig ein Psychologe anwesend? Ist hier irgendwer Psychologe? Bitte Handzeichen, es handelt sich um einen dringenden Fall: Mir ist ein Gedanke gekommen. 

Und zwar habe ich die Theorie entwickelt, dass das Stricken die dunklere Seite in der Persönlichkeit eines Menschen zutage bringt. C. G. Jung nennt diese Seite den Schatten und definiert ihn als Abspaltung aller Charaktereigenschaften, die wir für unerwünscht, unzumutbar oder illegal halten, im Gegensatz zur Persona, unserer Maske der gesellschaftlich gefälligen Eigenschaften.

Ein Beispiel: Ich bin eigentlich recht stolz darauf, mich als toleranten und allgemein friedfertigen Menschen bezeichnen zu dürfen. Beim Stricken aber verwandle ich mich in einen gehässigen Teufel, der mit Schimpfwörtern nur so um sich wirft – ich verzichte auf Zitate. Oder in Sachen Beziehung: Im Alltag die sanftmütige Ehefrau, aber ein Drachen, sobald ich die Nadeln in der Hand habe. Mein Mann fängt schon immer leicht an zu zittern wenn er mich die letzten Fäden eines Strickprojektes vernähen sieht, weil meine folgende Frage, wie er es findet, beinahe unvermeidlich hässliche Szenen nach sich zieht („Ääh, schön, aber etwas schief, oder?“ – „WAAAS?! DU BIST SCHIEF, MEIN LIEBER!“). Ein drittes Beispiel: Ich bin generell ein gutmütiger und gelassener Mensch, der auch mal Fünfe gerade sein lässt, doch beim Stricken zähle ich jede Reihe mit, errechne meinen Fortschritt in Prozent und versuche auszuzählen, in wieviele Tagen ich fertig bin, wenn ich in gleichem Tempo jeden Tag weiterstricke und am Freitag vielleicht noch in der Mittagspause heimlich auf dem Kantinenklo Knöpfe annähe. Ich will gar nicht so pedantisch sein, diese Dinge rechnen sich von selbst in meinem Kopf aus, ich schwöre es!

Deshalb hat es mich sehr überrascht, als ich dieses Wochenende ganz plötzlich die letzte Masche des Hauptteils des Emerald abgekettet hatte: 

 

Verantwortlich dafür war vermutlich vor allen Dingen das hervorragende Muster, das das Stricken sehr kurzweilig gemacht hat. Vielleicht, ganz vielleicht bin ich aber auch an einen Punkt gekommen, an dem auch der Schattenteil meiner Persönlichkeit ein kleines bisschen gelassener geworden ist und nicht mehr jede Masche mitzählen muss wie ein Geizhals seine Pfennige. Ist der Psychologe da? Dann einmal Schulterklopfen bitte. 

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Ein Gedanke zu “Stricken macht glücklich(er)

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