Überraschungserfolg

Kennt ihr das Phänomen? Ihr strickt an einem Projekt, bei dem alles perfekt zu sein scheint: tolles Garn, tolles Muster, tolles Maschenbild, sogar die Maschenprobe stimmt … und wenn die letzte Masche abgekettet ist, zieht ihr es an und es ist von vorne bis hinten scheiße. Passiert mir andauernd! Jetzt hatte ich allerdings zum ersten Mal den Umgekehrten Fall:

Der Pullover „White Bird“ ist eigentlich für ein etwas leichteres Garn gedacht und selbst dann Oversize. In der Drops Loves You #5 aus reiner Baumwolle ist er der reinste Kartoffelsack. Und dann auch noch in Rosa! Ich weiß gar nicht, warum ich ihn überhaupt fertiggestellt habe. Aber ich bin froh darum, denn sobald ich ihn anhatte, gefiel er mir! Keine Ahnung warum.

Tragebilder habe ich keine für euch, weil es heute regnet und schmuddelkalt ist und ich da garantiert nicht in Sommersachen rumspringe. Stellt euch das Ganze einfach mit einem weißen Trägertop drunter zum Jeansrock vor.

Demnächst übrigens auch fertig: Mein Lush Cardigan, auf den ich schon sehr gespannt bin, weil er mir bisher extrem gut gefällt. Ich hoffe, das bedeutet nicht, dass er schlecht wird. Hier seht ihr, wie das Teil aussehen soll, wenn es fertig ist und man Schultern hat.

Ich brauche dazu noch ganz dringend ein schnelles Stilurteil von euch. Diese wunderschönen Knöpfe habe ich gestern gekauft, bin jetzt aber skeptisch, ob sie zum Cardigan passen oder der Lace-Borte die Show stehlen würden. Ich habe sie mal versuchsweise angepinnt, die Knöpfe würden später auf jeden Fall in größerem Abstand zu einander sitzen. Ignoriert den grünen Faden, der verschwindet natürlich, wenn die Knopfleiste angestrickt wird.
Was meint ihr zu den Knöpfen? Yay oder Nay?

Ich sehe übrigens jetzt erst, dass das Buddhabild über meinem Sofa schief hängt. Gut, dass ich diesen Blog habe.

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Mein neuer bester Freund

Heute stelle ich euch meinen neuen besten Freund vor, der sicher auch euch in Begeisterung versetzen wird. Es handelt sich um ein handliches Elektrogerät, das ich für kleines Geld bei Amazon erstanden habe und das viel Freude zu bringen verspricht. Zwei Batterien rein und schon kann es losgehen! Sogar mein Mann ist nach anfänglicher Skepsis begeistert und möchte es ständig ausleihen.

 

Zügelt eure Phantasie, Ladies. Es geht bloß um einen Fluselrasierer.

 

Er ist mein neuer bester Freund, weil er diese hässlichen kleinen Wollröllchen, die sich so schnell an Ärmeln, Achseln etc. von Strickstücken bilden, einfach abrasiert. Ich wusste bis neulich gar nicht, dass solche Geräte überhaupt existieren. Der Lanade-Blog hat mich aufgeklärt, dass man Pilling nicht wie eine Strafe Gottes hinnehmen muss.

Damit eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten für mich! Bisher habe ich so etwas wie Strickkleider und -röcke immer vollkommen ausgeblendet, weil ich keine Lust auf arschbackenförmige Fusselfelder habe. Auch reine Wolle abseits des Merinoschafs habe ich vermieden, weil die ja bekanntlich doppelt gern pillt.

Damit ist jetzt Schluss! Ich bin frei! Seht her:

Ich habe ein hübsches Modell von Philips, das aber bis auf die Farbe genauso aussieht wie das Teil von Severin, das die Freunde von Lanade benutzen. Ist ja aber eigentlich auch egal, das Gerät muss ja keinen Schönheitspreis gewinnen.

Für den ersten Testlauf habe ich meinen heißgeliebten Chalkstone Pullover genommen, den ich oft trage und der schon erste Fluselerscheinungen hat. Nicht übermäßig stark, ist ja schließlich gutes Merinogarn, aber für eine Demonstration hoffentlich genug:

  Das Ergebnis: Das Gestrick ist nach ein paar Mal drüberrasieren deutlich entfluselt und sieht fast wieder aus wie neu. Ich nehme an, das Verfahren kann man nicht beliebig oft anwenden, weil logischerweise irgendwann nichts mehr übrig ist, was fluseln kann. Aber bis dahin verlängert das Gerät echt die Frische des Strickstücks und ermutigt mich, meine mühsam gestrickten Sachen öfter zu tragen. Top!

 

Es gibt viel zu tun – machen wir was anderes

Erinnert ihr euch noch an die lange Liste von Strickprojekten, von denen ich euch neulich erzählt habe? Ich nicht, denn aus irgendeinem Grund habe ich in den letzten Tagen nur noch an diesem Häkelschal gearbeitet.


  
Muster: Wisteria von Bernadette Ambergen (ca. 5 € bei Etsy)

Garn: Lana Grossa Lace Merino in Olivgrün, knapp unter 150 gr

Nadel: 3,5

Maße: ca. 170 x 60 cm

Ich bereue nichts!

Kreativer geht’s immer – 4 inspirierende Bücher

Seit mir der Sommer im Nacken hängt und jederzeit über mich und meine Strickprojekte hereinzubrechen droht, denke ich viel darüber nach, was ich denn eigentlich mache, wenn es wirklich zu heiß zum Stricken wird. Eine Weile kann man sich ja noch mit Baumwollgarn behelfen, wie mir mehrere liebe Leserinnen nach meinem letzten Beitrag zugeflüstert haben. Aber irgendwann werden Hände auch dafür zu schwitzig, meine zumindest.

Für alle, die das gleiche Problem haben und eine kreative Sommerbeschäftigung suchen oder sich generell gern kreativ weiterbilden wollen, habe ich deshalb ein paar Buchtipps. Und weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass sich viele Menschen (darunter auch gerne immer wieder ich selbst) bei der Erstberührung mit neuen kreativen Bereichen mental wie die Dreijährigen auf den Boden schmeißen und brüllen, sie könnten nicht zeichnen/malen/schreiben, habe ich Bücher ausgewählt, die sowas von motivierend sind, dass Selbstzweifel keine Chance haben.

Jetzt ist also eure Gelegenheit, euch einmal auf den Boden zu schmeißen, „ich kann aber nicht zeichnen/malen/schreiben!!!“ zu brüllen, ein bisschen mit den Beinen zu strampeln und wieder aufzustehen. Tief durchatmen. Besser? Dann können wir ja anfangen.

 

Eloise Renouf, 20 stramme Bäume und 44 weitere natürliche Dinge zeichnen


Dieses Buch finde ich unglaublich süß. Erstens, weil es das Format und Einband eines Bilderbuchs hat. Zweitens, weil „stramme Bäume“ wundervoll klingt (es gibt übrigens auch noch illustre Katzen und kesse Kleider). Und drittens, weil dieses Buch einen nicht mit Anleitungen und Lehrgängen nervt, bei denen man sich nur immer wie ein Neanderthaler am Bleistift fühlt. Stattdessen gibt es auf jeder Doppelseite ganz minimalistische Anregungen: Zeichnet 20 Eulen, zeichnet 20 Schneeflocken, zeichnet 20 Bäume. Deine Eulen sehen aus wie vom LKW überfahren? Fein! Dann zeichne noch 19 weitere!

Jede Anregung wird von einigen Zeichnungen der Autorin begleitet, die Ideen geben, aber nicht einschüchtern. Das sind die Zeichnungen, die ihr auf den Bildern oben seht. Um in Gang zu kommen kann man auch erstmal nur ein paar Zeichnungen ausmalen oder nachzeichnen. Das beruhigt den wild strampelnden inneren Kritiker ein bisschen und man wird etwas lockerer. Denn das ist das Wichtigste bei jeder kreativen Tätigkeit: dass man spielerisch und mit Freude bei der Sache ist, statt sich Gedanken darüber zu machen, ob man besser oder schlechter als andere ist und ob einen nicht die ganze Welt auslachen wird, weil man einen Stift, einen Pinsel oder eine Stricknadel in die Hand genommen hat. Spoiler: Meistens lacht niemand. Und wenn doch, lassen sich Stift, Pinsel oder Stricknadel ganz schnell zum Schlaginstrument umfunktionieren.

 

Vahram Muratyan und Élodie Chaillous, Mal-Zeit*


Dieses Buch ist vom Prinzip her genauso wie das mit den strammen Bäumen (ich könnte es immer wieder sagen. Stramme Bäume!), bietet aber noch ein bisschen mehr Hilfestellung in Sachen Inspiration und ist thematisch breiter ausgerichtet. Hier hat jede Doppelseite einen Arbeitsauftrag, der von diversen Rahmenillustrationen begleitet wird, damit man nicht völlig bei Null anfangen muss. Da wird man aufgefordert, Gesichter in Bilderrahmen, Etiketten an Weinflaschen, Cover auf Plattenlabel oder Schuhe an Damenfüße zu malen.

Ich empfinde das als noch ein bisschen einladender und inspirierender als das erste Buch (ihr wisst schon… das mit den Bäumen). Die Aufgaben sind einfach so unernst und spielerisch, dass es leicht ist, den eigenen Fähigkeiten gegenüber nachsichtig zu sein. Man kann das Buch außerdem hervorragend auf einer Party herumgehen lassen und sich hinterher über die alkoholisierten Ideen der Gäste freuen.

 

Keri Smith, How to be an Explorer of the World

   Gibt es auch auf Deutsch, heißt dann Wie man sich die Welt erlebt.

Das bekannteste Buch der Autorin ist vermutlich Mach dieses Buch fertig (Wreck this Journal), aber weil darüber schon viele kluge Blogger geschrieben haben, zeige ich euch lieber den Explorer of the World. Generell sind alle Bücher von Keri Smith durch die Bank weg empfehlenswert, weil sie inspirierend sind, zum Mitmachen auffordern und viele Ideen liefern, Kreativität in jeder Lebenslage und an jedem Ort zu leben.

How to be an Explorer of the World weckt den Blick und die Neugier für Dinge, die wir gern übersehen: eigenartig geformte Kieselsteine, Wolkenformen, die Kritzelgraffittis an den Häuserwänden. Alles will entdeckt werden! Natürlich bietet das Buch auch direkt Platz, um die eigenen Beobachtungen festzuhalten, und wird damit zum Begleiter im Abenteuer. Der aber schnell aus allen Nähten platzt, weil Keri Smith einfach unglaublich viel Lust am spielerischen Entdecken, Dokumentieren und Sammeln macht. Ich liebe ihre Bücher!

 

San Francisco Writer’s Grotto, 642 Things to Write about


Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Buch mit in diesen Beitrag aufnehme, weil es nur auf Englisch erhältlich ist und im Vergleich zu den drei anderen nicht mit Illustrationen aufwarten kann.  Dass Illustrationen fehlen tut der Sache aber keinen Abbruch, weil es hier ums kreative Schreiben geht. Und die Schreibanregungen sind so gut, dass ich dieses Buch jedem empfehle, der auch nur ein Fitzelchen Englisch beherrscht. Wenn man nur die Hälfte versteht und sich den Rest kreativ dazu denkt funktioniert das Ganze nämlich genauso gut wie wenn man englischer Muttersprachler in sechster Generation strammer Engländer ist.

Das Problem mit dem kreativen Schreiben ist, dass man es schwerer vormachen kann, um es anderen beizubringen. Man kann nicht wie beim Zeichnen eine Strich-für-Strich-Anleitung erstellen, sondern eigentlich nur dabei helfen, einer Fähigkeit eine Stimme zu verleihen, die jeder von uns hat: das Geschichtenerzählen. Ein Buch über kreatives Schreiben kann also im Wesentlichen entweder vormachen, wie es am Ende aussehen könnte (und dafür gibt es eigentlich auch genug gute Romane und Autobiographien auf der Welt, die man stattdessen lesen kann), oder einen dazu bringen, den inneren Kritiker in den Wald zu den strammen Bäumen zu schicken und seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.

Und genau das tut dieses Buch mit herrlich durchgeknallten Schreibanweisungen. Schreibe einen Absatz in einer ausgedachten Sprache. Nenne fünf Dinge, von denen du dir wünschst, deine Mutter hätte sie dir nie erzählt. Schreibe den Text für einen Radiospot, in dem du selbst beworben wirst. Schreibe eine Kurzgeschichte über eine Teetasse die im Argentinien des Jahres 1932. Du weißt nichts über das Argentinien des Jahres 1932? Dann erfinde etwas! Lass dich nicht von überflüssigen Bedenken aufhalten! Lass dich von gar nichts aufhalten! Schreib was du willst!  Zeichne was du willst! Sei kreativ!

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesen Buchtipps inspirieren. Wenn ja, kann ich gern noch einen Beitrag mit Buchtipps für Fortgeschrittene schreiben, mein Buchregal gibt noch einiges her!

 

——

*Dieses Buch wurde mir vom Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Faster, Pussycat! Knit! Knit!

Ich weiß nicht, wie es bei euch aussieht, aber bei mir kommt langsam aber sicher der Sommer angekrochen und dreht den Temperaturregler hoch. Da trifft es sich natürlich blendend, dass ich einen riesigen Berg Wolle und eine lange Liste mit Strickprojekten hier liegen habe. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt: Schaffe ich alle Projekte, bevor es zu heiß zum Stricken wird? Auch die Jacke aus der dicken Schafswolle?

Seit letzter Woche schwinge ich also meine Stricknadeln mit der Entschlossenheit einer Tura Satana:

Tura Satana

Und der aktuelle Status sieht so aus:

– Pullover „Sprig“ aus Lana Grossa Cool Wool Big: fertig

Eigentlich war der schon vor einiger Zeit fertig, aber dann habe ich die Ärmelborten nochmal aufgemacht und lange Ärmel draus gemacht. Mir geht einfach nicht in den Kopf, wann und wie ich Wollpullover mit kurzen Ärmeln tragen soll. Wenn ich friere, dann auch an den Armen. Wenn ich nicht friere, will ich keinen Pullover tragen! Und ein Longsleeve unter dem Pullover sah blöde aus.

  

– Cardigan „Lush“ aus Drops Belle: auf dem Weg

Die Konstruktion dieses Cardigans ist ganz interessant – man strickt erst quer die Laceborte und dann oben und unten Kragen und Körper dran. Ich bin mir noch nicht so ganz sicher, ob ich mit der Passform hinkomme, denn die empfohlene Maschenanzahl hat mir in den Achseln so sehr geklemmt, dass ich ribbeln und nochmal mehr Maschen anschlagen musste. Vermutlich ist hier auch das Belle Garn ein Nachteil, das mit Baumwolle, Leinen und Viskose nicht so stretchig ist wie Merino. Trotzdem bin ich sinnlos begeistert von dem Garn, das in Wahrheit nicht so tomatenrot ist wie auf den Fotos, sondern einen schönen Stich in Richtung Magenta hat.
Ach ja, und dann gibt es noch den hier:

IMG_2816

Aber der wartet noch immer auf die fehlenden 300 Meter Garn. Die ich bestelle, sobald ich hier ein bisschen mehr von meinem bestehenden Garnberg abgetragen habe.

Faster, Pussycat!

Von der Kunst des Lügens und dem Wert eines Philosophiestudiums

Eine Anekdote, die ich immer gern erzähle, geht wie folgt: Letztes Jahr wurde ich von meiner Firma zu einem Seminar zum Thema „Kommunikation“ eingeladen. Als Übung zur Auflockerung und Demonstration schlauer Kommunikationstheorien wurden alle Teilnehmer aufgefordert, der Reihe nach drei Dinge über sich zu sagen, und zwar zwei Wahrheiten und eine Lüge – und die anderen Teilnehmer sollten die Lüge identifizieren. Während sich die ersten noch etwas schwertaten („Tja, also ich mag Schokoeis und ich habe zwei Kinder uuuund … mein Zweitwagen ist ein Porsche?“) habe ich mir geistig die Hände gerieben, denn wenn ich etwas kann, dann ist es Geschichten erzählen – und zwischen Geschichten und Lügen ist es nur ein hauchfeiner Grat. Als ich an die Reihe kam, ging es also so:

Ich: „Das erste, was ich euch über mich erzählen will, ist dass ich meinem Auto einen Namen gegeben habe, meiner Katze aber nicht.“

Seminarteilnehmer: „Hmm…“

Ich: „Als zweites kann ich euch sagen, dass ich in meiner Freizeit gern die neuesten Trend-Nagellacke bei eBay aufspüre.“ (Halte lackierte Fingernägel hoch)

Seminarteilnehmer: „Aha.“ (Einzelne Seminarteilnehmerin: „Ich auch! Ich auch!“)

Ich: „Drittens: Ich habe Philosophie studiert und war keinen Tag meines Lebens arbeitslos.“

Seminarteilnehmer: „LÜGE! DAS MUSS DIE LÜGE SEIN! NIE IM LEBEN IST DAS WAHR!“

Hättet ihr genauso getippt? Dann zeige ich euch jetzt folgende garantiert wahre Dinge:

Mein Auto „Titti“, meine namenlose Katze, ein repräsentativer Teil meiner zu 100 % bei DM und in anderen echten Geschäften gekauften Nagellacksammlung und mein Magisterzeugnis. Nicht im Bild: Sämtliche Arbeitsverträge, die nahtlos vom Datum meines Uniabschlusses bis heute reichen. Das müsst ihr mir wohl ungesehen glauben.

Sehr ungläubig dagegen haben mir damals die anderen Teilnehmer des Kommunikationsseminars entgegengeblickt. „Aber … aber … wie redest du dann deine Katze an?“ wollte einer wissen. „Mit ‚Katze‘ – sie kommt ja eh nicht wenn man sie ruft.“ Alle anderen waren hingegen vielmehr erstaunt, dass ein Philosophiestudium nicht geradewegs in die Arbeitslosigkeit führt, sondern unter Umständen in genau das Unternehmen, in dem sie selbst beschäftigt sind.

Natürlich war genau diese Verwirrung mein Ziel, denn wie jeder Geschichtenerzähler weiß, lebt eine gute Erfindung (um nicht zu sagen: Lüge) von den Erwartungen der Zuhörer (Philosophiestudium), glaubwürdigen Details (Nagellack bei eBay kaufen), Ablenkung (Auto und Katze) und einer überraschenden Wende am Schluss.

Von dieser Anekdote abgesehen versuche ich aber immer den Leuten klar zu machen, dass ein Philosophiestudium eine in absolut jeder Hinsicht lohnenswerte Sache ist. Ich habe dadurch so vieles gelernt, was mir heute im Berufsleben immer wieder zugute kommt: Hirnverbrannt komplizierte Ideen in einfache Worte fassen zum Beispiel. Trotz massiver Ahnungslosigkeit nonchalante Kompetenz vortäuschen. Und nicht zu vergessen eine vergleichsweise hohe Toleranz für abstruse Theorien, auf die man instinktiv mit der Frage reagieren will, ob denn alle Beteiligten noch alle Tassen im Schrank hätten.

Abstrus klingende Theorien hat die Philosophie ja viele und bei den meisten davon drängt sich der Eindruck auf, der Urheber habe zu viel Freizeit und zu wenig Besseres zu tun gehabt. Nehmen wir einmal folgendes klassisches Gedankenexperent: Was wäre, wenn unsere Wahrnehmungen der Welt völlig unterschiedlich sind, wir aber nichts davon bemerken, weil wir unbemerkt verschiedenen Dingen gleiche Namen geben? Was also, wenn ich beispielsweise „Blau“ nenne, was für den nächsten ganz anders aussieht, weil er die Welt ganz anders wahrnimmt? Wir lernen die Namen der Dinge, indem mal irgendwer draufgezeigt und einen Begriff dazu genann hat. Aber ob wir das gleiche sehen, können wir ohne Gedankenlesen nie herausfinden.

Während jeder schon mal Gedanken dieser Art hatte, während er schlaflos im Bett oder zu lange in der Badewanne lag, verstehen die wenigsten, weshalb man das Ganze zur Wissenschaft erklären, Bücher darüber schreiben und junge Menschen dafür an die Uni schicken muss. Dass philosophische Theorien aber im wahren Leben immer wieder praktische Anwendung finden, mag folgende (ungelogene) Geschichte verdeutlichen.

Und zwar ist meine Ehe geprägt von sagenhaften Missverständnissen. Jeder kennt das Phänomen, dass ein Gesprächspartner den anderen auf akustischer Ebene derart falsch versteht, dass schon wieder ein irgendwie sinnvoller Satz bei ihm ankommt. Zwischen meinem Mann und mir scheinen da noch eine besonders unglückliche Aussprache (ich) und eine besonders rege Phantasie hinzuzukommen (er). Zum ersten mal wurde uns das so richtig klar, als ich ihm an einem Sonntagmorgen ein wohlwollendes „Dusch‘ fein!“ zurief und er bestürzt fragte, warum ich ihn als Schwein tituliere. Ein anderes Mal erwähnte ich, dass ich Piraten möge. Seine Antwort: „Was denn für ein Biergarten?“ Und mein persönlicher Favorit unter unseren Dialogen: „Ich habe gestern einen tollen Film gesehen: The Counselor“ – „SIE KAM ZU LAUT?!“

Irgendwann drängte sich mir die Frage auf, wie hoch eigentlich die Dunkelziffer unserer Missverständnisse sei. Wie oft mag es vorkommen, dass er nicht noch mal nachfragt, was ich gerade gesagt habe, weil es ihm ganz plausibel vorkommt? Beruht womöglich unsere ganze Ehe auf unentdeckten Missverständnissen? Ist alles, was wir über einander wissen, nur Illusion und Fehldeutung?

Ich ahnte, dass ich hier mit einer Variation des Gedankenspiels „Sehen wir alle Blau als Blau oder nennen wir gleich was wir verschieden wahrnehmen?“ konfrontiert war und eine wissenschaftliche Vorgehensweise gefragt war. Ich musste auf den Boden menschlicher Wahrnehmung gelangen und dabei die sprachliche Ebene vollständig umgehen. Nur so wäre es möglich herauszufinden, ob sich unsere Wahrnehmungen decken oder nicht.

Mein Auftrag an meinen Mann lautete also, ausgewählte Fragen zu unserer Beziehung zeichnerisch statt sprachlich zu beantworten. Meine erste Frage lautete: Was mache ich deiner Meinung nach beruflich?

Seine Antwort:

Uuh. Die Zeichnung lässt sich wahlweise als Oberbekleidungsverkäuferin, Modedesignerin oder Stripperin deuten, was alles eher wenig mit meiner Tätigkeit als Online-Redakteurin zu tun hat. Aber ein Mensch kann einen anderen schlimmer missverstehen und für sich sind das ja sicherlich alles ehrenwerte Berufsfelder. Belassen wir es dabei. 

Als Gegenprobe lautet meine nächste Frage, wie denn sein Job aussieht. Und will die Frage gleich wieder zurückziehen – was, wenn er jetzt Knarren und Meth-Labore zeichnet? Aber er ist schon fertig:

Er arbeitet am Computer. Genau so habe ich mir das vorgestellt. Puh!

Eine Frage wage ich noch in Gedanken an unsere populärsten Missverständnisse: Was glaubt er, womit ich mich beschäftige, wenn er nicht zuhause ist?

Wollknäul und Stricknadeln, was bin ich erleichtert! Ein Hoch auf die Philosophie für die Rettung meiner Ehe!

Review: Häkelbordüren

Heute stelle ich euch ein Buch vor, das mir freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar überlassen wurde:

 Ich muss gestehen, dass ich immer wahnsinnig gerne in Anleitungsbüchern für Strick- und Häkelmode blättere, aber nie ein Modell finde, das ich auch nacharbeiten möchte (ausgenommen das wunderbare „Botanical Knits 2“ von Alana Dakos). Deshalb stehen bei mir im Strickregal auch fast nur Nachschlagewerke für Lacemuster, Anschlagetechniken und Pullovertabellen. Darin kann ich stundenlang lesen und mir vorstellen, was ich alles eines Tages schönes machen werde, welches Garn wohl das beste dafür ist, zu welchen Anlässen ich es trage und auf wie viele lässige Arten ich auf die Frage, wo ich das her habe, mit „selbstgemacht“ antworten kann (Antwort: 13 und 5 verschiene Lachen).

„Häkelbordüren“ von Edie Eckman reiht sich somit bestens in meine bescheidene Handarbeitsbibliothek ein. Darin finden sich 104 verschiedene Muster für Kanten, Blenden und Spitzen, wie der Titel schon andeutet, aber dazu später mehr.

Zunächst bietet dieses Buch einen sehr schönen Erklärungsteil dazu, wo man alles eine Häkelkante dranmachen kann und worauf man achten sollte. Die Tipps finde ich selbst als erfahrenere Häklerin extrem praktisch und dazu noch gut erklärt.

     Und für Anfängerinnen gibt es auch ein paar aufbauende Worte, die ich sehr sympathisch finde:

Kommen wir aber zum Hauptteil des Buches, den Mustern. Gut finde ich, dass alle Muster sowohl mit Symbolzeichnungen wie auch schriftlich erklärt werden und Infos zu schwierigeren Maschen bereitstehen.

Die Muster selbst dagegen …

Naja.

Hier krängt das Buch wie so viele Häkelbücher an einem gewissen altmodischen Stil, der vom Stricksektor bereits vor langem Überwunden wurde. Ich erinnere mich noch an die Handarbeitsbücher, als ich in meiner Kindheit in den 80ern häkeln lernte, und die Beispiele darin sahen genauso aus – und gefielen mir damals schon nicht. Wann kommt das Häkeln endlich bei der Mode der Gegenwart an? Bleibt dieses Monopol ewig in den Händen von MyBoshi?
Wie dem auch sei, wir Handarbeitsfüchse sind ja alle in der Lage, bei einer Anleitung über die Beispielbilder hinweg zu sehen und das Potenzial eines Musters zu erkennen. Und mit dem richtigen Garn in der richtigen Farbe sind auch viele Muster aus diesem Buch durchaus brauchbar, zum Beispiel als Abschluss für Tücher oder als dekorativer Saum an einem Rock.