Ich habe eine Schere und ich werde nicht zögern sie einzusetzen!

Okay, bevor ich mir den Unmut der Briefmarken-Community zuziehe gestehe ich frei heraus: Die Briefmarken aus dem letzten Posting waren nicht echt. Schockierend, ich weiß. Aber ich war in einer schlimmen Verfassung gestern. Schuld war natürlich dieses Biest hier:

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Ich habe den Pullover so weit fertiggestellt, dass ich nur noch den Kragenteil mit dem großen Mustersatz zwischen Achseln und Hals zu stricken habe. Also den schwierigsten Teil von allem. Gestern abend habe ich mich dann tapfer an die Arbeit gemacht. Vor mir lag ein Muster mit einem Rapport über 22 Maschen, also eine feste Reihenfolge von dunkler Faden, heller Faden, dunkel, hell, dunkel, dunkel, hell, etc. etc. , die sich alle 22 Maschen wiederholt und am Ende der Runde 11 Mal gestrickt worden sein sollte. Also 242 Maschen mit zwei Fäden und höchster Konzentration stricken. So weit so gut.

Ich erreichte das Ende der Runde. Der Mustersatz ging nicht auf. War mir ein Fehler bei der Farbreihenfolge unterlaufen? Tatsächlich, vor 50 Maschen. Also 50 Maschen zurück und nochmal richtig weiter.

Ich erreichte das Ende der Runde. Der Mustersatz ging nicht auf. War mir noch ein Fehler unterlaufen? Nein. Hatte ich die richtige Anzahl Maschen auf der Nadel? Nein. Aha! Aus irgendeinem Grund waren es 249 statt 242 Maschen. Also 200 Maschen zurück und bei gleichmäßiger Abnahme von 7 Maschen nochmal richtig weiter.

Ich erreichte das Ende der Runde. DER MUSTERSATZ GING NICHT AUF. War mir ein Fehler im Muster unterlaufen? NEIN! Hatte ich die richtige Anzahl Maschen auf der Nadel? NEIN!! WARUM ZUM TEUFEL NICHT? Wieviele Maschen hatte ich auf der Nadel? 230! WIE IST DAS MÖGLICH?! Ich war rat- und fassungslos. Ich stricke nunmehr schon so lange und so viel, dass ich auf gewisse Dinge einfach vertraue. Dass mir keine Maschen spurlos verloren gehen zum Beispiel. Ich lasse keine Maschen fallen. Und auch zählen kann ich eigentlich ganz gut. Aber jetzt musste ich an meinem Verstand und dem Gefüge der Wirklichkeit zweifeln. Befand ich mich plötzlich in einem lovecraft’schen Universum, wo sich Parallelen im Unendlichen nicht treffen und 249 minus 7 gleich 230 ist? Konnte ich mir der Realität noch sicher sein? Konnte ich mir meiner Existenz sicher sein? War dieser Pullover ein Symbol für den Sinn des Lebens oder nur eine Metapher meines verirrten Geistes? Als ich emotional auf Händen, Knien und Augenbrauen zu meinem Mann gekrochen kam um metaphysischen Beistand bei ihm zu finden, kam von ihm ein stoisches: „Na dann strickste das Ding halt noch mal neu, ne?“

Kennt ihr diese Veranstaltungen in Spanien, wo sie wütende Stiere durch die Straßen rennen lassen, die dann versuchen, die davonrennenden Menschen auf die Hörner zu nehmen? So ungefähr ging es hier gestern abend zu. Ich erspare euch mal die Einzelheiten. Nur zur Beruhigung: Ich habe den Pullover nicht in kleine Stückchen geschnitten. Ich denke noch darüber nach.

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Erst werde ich nochmal ganz sorgfältig alle Maschen zählen und Musterfolgen überprüfen. Dann wird sich zeigen, ob ich den Fehler korrigieren kann oder alles wieder aufribbeln muss. Ich habe so eine Ahnung, dass beides gleich aufwühlend sein wird. Zum Glück gibt es auch hierfür praktische kleine Hilfsmittel …

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4 Gedanken zu “Ich habe eine Schere und ich werde nicht zögern sie einzusetzen!

  1. Puh. Ich war schon den Tränen nahe nach dem letzten Post mit dem Gedanken an einen zerschnibbelten Pullover … aber er lebt ja noch.
    Zähl wirklich nochmal ganz in Ruhe nach. Laut zählen hilft übrigens! Oder immer nur bis 10 Zählen und Striche machen.
    Du wirst das schon schaffen. Bestimmt. Und nachher riiichtig stolz sein. Es wird eine Hassliebe werden zwischen euch.
    Als Trost: Ich weiß, dass ich sowas auch schonmal hatte. Strickstücke, die ich dreimal aufgeribbelt habe, weil etwas nicht passte. Aber: Ich erinner mich nicht mehr, bei welchem Teil das war. Und obwohl ich tatsächlich vor Frust geheult habe. Also, eine ganz negativ Belastete Beziehung musst du wohl nicht eingehen ;)

    • Danke für die tröstlichen Worte. Ob ich den Ärger mit diesem Pullover eines Tages vergeben und vergessen habe, kann ich mir noch nicht so ganz vorstellen. Aber mittlerweile haben wir uns ausgesprochen und auf dem Weg der Versöhnung. Der Paartherapeut sagt, das könne noch was werden mit uns, also bleibt die Schere im Stricktäschchen. Vorerst.

  2. Oh je, zum Zerschneiden wäre der Pulli doch zu gut.
    Willkommen im Lovecraftuniversum, ich bin dort Stammgast. Es gelten andere mathematische Regeln, Strickmanie ist völlig normal und die Maschen treiben dort durchaus ihre Späßchen mit uns StrickerInnen!

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