Das piekst…!

Wolle und ich – eine Geschichte voller Tragik, Tränen und Selbstmitleid. Lasst sie mich euch erzählen.

Als ich ein junges Strickliesl war und noch ganz neu an der Nadel (so vor 3 Jahren), sah ich staunend die vielen wunderschön gearbeiteten Halstücher auf Ravelry und dachte gleich: Das will ich auch! Ebenso staunend stellte ich fest, dass viele Strickerinnen auf Ravelry ihre Meisterwerke nicht aus teurem Lace-Garn, sondern aus Sockenwolle herstellten. Warum nicht, dachte ich, und legte los:

IMG_0593_medium2Ein Wellenbaktus aus einem Zauberball von Schoppel. Wunderschön, passte zu jedem Outfit. Ich habe ihn sogar bei meiner Hochzeit getragen (die ihr euch jetzt aber nicht als Disney-Hochzeit in Weiß verstellen müsst – andere Geschichte). Leider stellte ich nach einer Weile fest: Das Tuch kratzt. Okay, dachte ich, es ist Sockenwolle. Da muss man sich nicht wundern. Und da eh der Winter nahte, habe ich mir etwas neues gestrickt:

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Ein Hitchhiker nach der Anleitung von Martina Behm. Zweifädig aus reinem Merinogarn und einem Mohair-Seiden-Garn. Richtig gutes Zeug von Lana Grossa, unglaublich flauschig und weich. Aber es piekste. Ich versuchte das Pieksen zu ignorieren. Es piekste mehr. Ich versuchte es zu ignorieren. Es piekste noch mehr … schließlich musste ich mir das Tuch zwei Minuten nach dem Anziehen vom Hals reißen, weil es unerträglich war.

Okay, dachte ich. Mohair empfinden viele als pieksig. Lassen wir das also weg. Versuchen wir es mal nur mit Merino und Seide.

IMG_0995_medium2Ich war in einem winzig kleinen Lädchen, in dem ausschließlich Garne der Marke Atelier Zitron verkauft werden. Die Inhaberin erzählte mir, dass alle anderen Wollhersteller ihre Produkte mit Pestiziden und anderen Giften besprühen lassen, um Schädlinge auf den langen Transportwegen abzutöten, und dass sie deshalb selbst von jeder anderen Wolle Ausschlag bekäme, außer von der Wolle von Atelier Zitron. Ich fühlte mich verstanden und kaufte einen sandfarbenen Strang Filisilk, 70 % Merino, 30 % Seide, den ich zu einem wunderschönen Tuch verhäkelte.

Es piekste.

Ich probierte noch mehr aus. Merino mit Kunstseide: Piekst. Babyalpaka mit Maulbeerseide: Piekst. Alpaka-Wollmischungen: Piekst. Merino mit Cashmere: Zwingt mich nicht es zu schreiben, die Trauer sitzt noch zu tief. Reines Merinogarn: Okay, solange es gut verzwirnt ist. Alles andere piekst so sehr, dass es mir schon weh tut. Nach einiger Zeit habe ich dann knallrote Flecken am Hals, aber das kann auch daher kommen, dass ich ständig die Haut unbewusst reibe.

Natürlich habe ich auch meinen Hautarzt dazu interviewt. „Könnte eine Wollallergie sein“, meinte er und unterzog mich einer hochwissenschaftlichen Testmethode, bei der er die Kante seines Lineals über meinen Unterarm zog. Da keine weißen Linien, Wunden Jesu Christi oder sonstwas erschienen, meinte er, es sei keine Allergie, meine Haut werde mit dem Alter einfach empfindlich. Danke, Herr Doktor. FÜR NICHTS.

Meine Selbstversuche haben aber gezeigt, dass er Recht hat. Ob mir ein Garn weh tut oder nicht hängt weniger vom Material ab, denn sogar Tücher ohne ein einziges Fädchen tierische Faser können mir unangenehm werden. Die Ursache scheint in der Flüschigkeit des Garns zu liegen. Alpaka und Mohair beispielsweise sind traditionell flauschige Garne, bei denen winzige Einzelhärchen in alle Richtungen abstehen und mich in den Wahnsinn treiben. Merino dagegen ist so brav, dass es einen weichen aber glatten Faden bildet, wenn man es lieb fragt. Die Filisilk zum Beispiel ist ein Merino-Seidengarn, das aber nur so lose gedreht und nicht mehrfädig verzwirnt ist, wie ihr auf dem Bild oben seht. Daher meine messerscharfe Schlussfolgerung: Je flauscher desto au!

Ich habe mich in so weit damit abgefunden, dass ich nur noch Tücher aus Garnen stricke, die ich auch ganz sicher vertragen kann: Baumwolle, reine Seide, Acryl, gute Merinowolle. Nur ihn habe ich jetzt noch hier wie einen traurigen letzten Partygast sitzen, der nicht heimgehen will:

20140709-221357-80037342.jpgDer Alpaca-Cardigan. Hätte ich mir eigentlich auch vorher denken können, dass er mich pieksen wird. Durch alle Kleidung hindurch und vor allem am Kragen. Und das schon beim Probetragen. Aber ihn wieder aufzuribbeln bringe ich auch nicht übers Herz. Das arme Ding!

 

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